Full text: Einleitung in die Philosophie

37) $ 32. Das empiristische Weltbild. 
niemals weiter reicht, als die Einordnung unserer Erfahrungen 
unter die Kategorien unseres Denkens, verschwindet jener 
Widerspruch, indem an die Stelle des positiven Unendlichkeits- 
begriffes der rein negative Begriff der Unbegrenztheit 
im Fortgange unserer Erfahrungen tritt. Die Welt ist 
zeitlich und räumlich nicht als positiv unendlich gegeben, 
sondern sie ist nur ‚die zeitliche und räumliche. Mannigfaltig- 
keit unserer Erfahrungen, innerhalb deren dem Fortschreiten 
unserer Erfahrung und unseres Vorstellens nirgends eine Grenze 
gesetzt ist. Dieses Urteil, zu welchem uns die strenge Conse- 
quenz der‘ empiristischen Ansicht führt, ist mit jenen inneren 
Widersprüchen nicht mehr behaftet. 
In derselben. Weise löst sich die zweite „Antinomie“, 
welche die Teilbarkeit eines gegebenen begrenzten Raumes 
betrifft. Auch ein solcher Raum kann nicht aus positiv 
unendlich vielen Teilen zusammengesetzt gedacht werden, 
weil dieser Gedanke abermals den widerspruchsvollen Begriff 
des Unendlichen als eines positiv gegebenen involvieren würde. 
Andererseits aber läßt der Gedanke der räumlichen Teilbarkeit 
nirgends eine Grenze zu, so daß auch die entgegenstehende 
Behauptung der Zusammensetzung jedes Körpers aus einer 
begrenzten Anzahl von Teilen nicht aufrecht erhalten werden 
kann. ‚Abermals ist es die rein empirische Betrachtung, welche 
den Widerstreit löst: nicht als ein von vornherein aus positiv 
unendlich vielen Teilen zusammengesetztes Ganzes ist jeder 
endliche Teil des Raumes aufzufassen, sondern es ist nur für 
den Fortschritt der immer weitergehenden Teilung jedes solchen 
Raumes in unserem Denken keine Grenze gesetzt. / 
Dieselbe Betrachtung läßt sich auf weitere Probleme aus- 
dehnen.!) Wie wir die Welt weder zeitlich noch räumlich als 
1) Daß auch für diese weiteren Probleme die Möglichkeit der im 
Texte bezeichneten. Lösung besteht, welche derjenigen der beiden ersten 
Antinomien entspricht, hat Kant übersehen. Er nimmt seinerseitg zur 
Lösung dieser‘ weiteren Probleme den Begriff des transscendenten 
Dinges an sich in positivem Sinne zu Hilfe — im Widerspruche 
mit seinen zuvor gegebenen Ausführungen, welche die Anwendung dieses 
Begriffes ausdrücklich verbieten. Seiner Lösung der in Rede stehenden 
Fragen werden wir aus diesem Grunde nicht zustimmen können. 
4
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.