Full text: Bekämpfung der Nachwuchsnöte im Bauingenieurwesen durch Änderung der Studienordnung

Wird nun aber der künftige Ingenieur während seiner 
Vorbildung zuviel mit Einzelheiten dis ins kleinste hinein 
und mit der wissens mäßigen Kennltnis hergebrachter 
Technik sowie deren Nachahmung belaftet und wird er zu sehr 
dahin geleitet, jede Lösung anstatt durch freies Nachdenken und 
Abwägen vielmehr nur äuf rechnerischem Wege zu gewinnen 
und auf diesem Wege ihre Richtigkeit nachzuweisen, so verliert 
er nicht nur seine Findigkeit, sondern auch die Fähigkeit und 
den Mut zum selbständigen Arbeiten. Er wird befangen und 
benimmt sich ängstlich und hilflos, wenn er sich vor einer neuen 
Lage sieht und wenn bewährte Muster und die in ihrem Wert 
allzu hoch geschätzten Formeln sowie die geliebte Rechnerei 
versagen. Er traut es sich nicht zu, auf Grund seines gesunden 
Menschenverstandes, allgemeiner Einblicke und seines 
Ingenieurgefühls (das durch falsche Ausbildung zurückgedrängt 
oder ertötet ist) eigene Wege zu gehen. Allzuviel um 
Einzelnes und zu starke Gewöhnung än die Anwendung rechne⸗ 
rischer Verfahren vermag die Fähigkeit zu eigenem Nachdenken 
sowie den Mut, diesem eigenen Denken zu vertrauen und zu 
folgen, in verderblicher Weise herabzuseten. 
4. Die Freude an selbständigem Vorgehen und — als Vor⸗ 
bedingung hierzu — das hinreichende Selbbsvertrauen des ver— 
antwortungsbewußten jungen Fachmannes wird man nur er— 
zielen und ausbilden können, wenn er nicht nur gelernt, 
sondern wenn er sein künftiges Arbeitsfeld und dessen Auf⸗ 
gaben „studiert“ hat. Dieser Begriff ist auf allen Gebielen 
stark in Vergessenheit geraten. Er bedeutet, daß man eine 
Sache von allen Seiten genau betrachtet und denkend und 
wägend restlos durchdringt, bis man sich zu sagen vermag: „Ich 
weiß Bescheid. Mich kann keine Fragé über diese Sache mehr 
schachmatt setzen, weil ich ihr Wesen durchschaut und die 
ganzen Zusammenhänge in mir verarbeitet habe.“ 
Das Studieren ist der Zweck und Sinn der Hoch-— 
chule und bildet die Grundläge zumn Ingenseureim 
Vergleich zum Techniker. Es stellt eine ganz eigene Art des 
Herantretens an die Dinge und deren Erfassung dar Aber es 
kostet auch Zeit und Anstrengung. Deshalb kann 
man nicht Dutzende von Diͤngen gleichzeitig 
studieren. 
Wer indessen einer Sache auf diese Weise einmal Herr 
geworden ist, wird auch jede andere leichter und leichter 
meistern. Es ist besser, daß der Ingenieurnachwuchs einige 
wenige Dinge wirklich studiert hat, als daß er fich eine 
Vielheit von Sachen und „Kenntnissen“ einpaukt, die er dann 
nur oberflächlich ennt“, äber nicht im Wesen durchschaut. 
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