Full text: Der Sinn der gegenwärtigen Kultur

Der Mensch in der Gemeinschaft. 
berühmtem Ausspruch, daß Poesie früher ist als Prosa, aber 
freilich nur ein Stück der Wahrheit. Denn von aller ursprüng- 
lichen Sprache des Affektes unterscheidet sich die Dichtung 
durch die Bewußtheit und Geschlossenheit ihrer Form. Leben- 
digkeit und Form, die als Bestandteile des Begriffs ‚lebendige 
Form‘ einander friedlich zu ergänzen scheinen, hemmen ein- 
ander gegenseitig, wenn sie die Wirklichkeit beherrschen wollen. 
Form im vollsten Sinne haben kann nur das Insichgeschlossene; 
das Leben aber, so sehr es in jedem Augenblicke ein Ganzes 
ausmacht, wird im nächsten die Geschlossenheit des vorigen 
sprengen oder durch sie gedrückt werden; es löst jede Geschlossen- 
heit auf, führt uns, wenn wir ihm widerstandslos gehorchen, 
von Augenblick zu Augenblick, unmerklich zerstörend, was uns 
eben beglückte. Wollen wir es aber meistern, so zwingt es uns, 
bewußte und besondere Zwecke zu verfolgen, Form und Inhalt 
zu trennen und statt ihrer notwendigen Zusammengehörigkeit 
sie. äußerlich zusammenzufügen. So ist die lebendige Form 
immer zugleich sich selbst auflösende Form und, um sich zu 
vollenden, muß sie sich vom Leben trennen, dem sie doch ihren 
Reichtum entlehnt. In diesem Sinne ist das Reich der Kunst 
nach Schillers Wort ein Reich der Schatten; das Kunstwerk 
hebt den Genießenden aus dem Strome des Lebens heraus, einer 
Insel gleich, die dem Schwimmer Ruhe gibt, und in deren blühen- 
der Pracht er vergißt, daß sie nur dem Strome ihr Gedeihen 
verdankt. 
Begrifflich ist das in sich geschlossene, dem Leben ent- 
hobene Kunstwerk, die Scheinwelt der Kunst, wie man wohl 
sagt, verschieden von der Gestaltung des Lebens selbst; in der 
Wirklichkeit aber streben gerade die reichsten Momente des 
Lebens danach, für sich durchgestaltet und festgehalten zu 
werden, suchen also, so sehr sie zum Leben gehören, künst- 
lerischen Ausdruck. Die gehobene Sprache des natürlichen 
Affektes, das improvisierte Festlied, die vorbereitete Festrede 
und die Verwendung eines Dichterwerkes zum Ausdruck einer 
gemeinsamen Feststimmung sind ebenso viele Stufen zwischen 
dem bloßen Worte und der reinen Poesie. Die Bezeichnung der 
Sprache als lebendige Form drückt zugleich ihre Verwandt- 
schaft mit der Kunst und ihren Unterschied gegen jene aus. 
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