I. Einleitung.
Wer eine Wissenschaft nur in der Form kennt, wie sie
ihm durch den zufälligen Stand seiner Zeit gerade darge-
boten wird, der wird den tiefsten Kern ihres Wesens nie voll
erfassen. Denn die Kenntnisse und Lehrmeinungen der Gegen-
wart sind ja nicht plötzlich fertig entstanden, sondern in der
fortlaufenden Entwicklung stellt das Heute nichts als einen
Punkt auf der Kurve vor, nicht einen Haltepunkt, nicht einen
Punkt von besonderer Bedeutung, sondern nur die Verbin-
dung von gestern zu morgen. Es gibt kein Halten und kein
Stillestehen, und so wie sich heut unsere schnell lebige Zeit
daran gewöhnt hat, auf die Vergangenheit mit einer gewissen
mitleidigen Verachtung herabzublicken in dem Bewusstsein,
um wie viel klüger und kultivierter wir jetzt sind, so können
wir gewiss sein, dass eine nicht ferne Zukunft unsere Gegen-
wart mit derselben Geringschätzung behandeln wird. Und
doch ist diese Auffassung ganz falsch! Sicherlich sind un-
sere Kenntnisse grösser als die der Vergangenheit, aber im-
mer müssen wir der Tatsache bewusst sein, dass wenn auch
der gegenwärtige Zustand ein Erfolg unserer Arbeit ist, er
sich in erster Linie aufbaut auf der Tätigkeit unserer Väter
und Vorfahren. Doch ebenso berechtigt dürfen wir sagen, dass
die Gegenwart die Grundlage der höheren Kultur der Zukunft
sein wird, und dass auch unsere Zeit ein notwendiges Glied
in der Reihenfolge menschlicher Entwicklung bildet. Jede Zeit
Herz, Grundzüge der Geschichte der Chemie.