Full text: Zur Geschichte der astronomischen Messwerkzeuge von Purbach bis Reichenbach

IOO 
REICHENBACH. 
dieses Rohr am Dreifuße anzubringen, nicht zweifelfrei gewesen sein; wenigstens ließ 
Gauss 1 ) (Gauss-Sch., 2, 30) es 1825 an seinem Instrument ganz beseitigen und die 
Hemmung des Kreises unmittelbar an den Fuß anschließen, weil er Unsicherheiten 
gefunden hatte. 
Dem astronomischen Kreise ist in Reichenbach’s Beschreibung (oben S. 95) durch die 
Bemerkung: »soll eigentlich die Stelle eines Zenith-Sectors vertreten« seine Bestimmung 
vorgezeichnet, und Reichenbach legte großen Werth auf diese Construction. Ueber den 
für Schumacher in Arbeit befindlichen Kreis [Fig. 139] schreibt Reichenbach 17./9. 1818: 
»Der 18-zöllige astronomische Kreis ... ist auch schon sehr weit vorangerückt. 
»Sie werden Ihre wahre Freude an diesem für den reisenden Astronomen äuserst 
»wichtigen Instrumente haben ... ich verspreche mir davon die alleralleralleraller- 
» schärfsten Beobachtungen«. Am h Gauss gegenüber spricht sich Reichenbach ähnlich 
aus und hebt die Construction als eine ganz neue hervor. Schumacher’s Instrument 
ist etwas verändert worden, besonders scheint der Spiegel über dem Niveau nach 
gefügt zu sein. Eine sehr eingehende Beschreibung mit Zeichnungen giebt W. Struve 2 ) 
von einem ähnlichen Instrumente (von 1822) in seiner »Breiten-Gradmessung« (S. 30); 
auch hier waren aber nachträglich einige kleine Aenderungen eingeführt worden. — 
Es verdient hervorgehoben zu werden, daß die guten Erfahrungen, welche W. Struve 
mit Reichenbach’s astronomischem Kreise gewann, ihn bestimmten, dieselbe Con 
struction in großem Maaßstabe von Ertel in dem Verticalkreise zu Pulkowa ausführen 
zu lassen. 
Als »astronomischen Theodoliten« bezeichnet Reichenbach einen astronomischen Kreis, 
dessen Obertheil mit Achsen, Kreisen und Fernrohr von dem Kopfe der senkrechten 
Achse getrennt und, um 90 o verdreht, daran wieder so befestigt werden kann, daß 
nun die Kreise horizontal nach oben gekehrt liegen [Fig. 140]. Das Fernrohr ist dann 
von der Alidade zu trennen und mit Gewinde in einer langen Querachse zu befestigen, 
deren Zapfen in zwei von der Alidade vorspringende Lagerböcke gelegt werden. Das 
Instrument ist damit zu einem Theodoliten umgewandelt. Auch hiervon giebt W. Struve 
in der Breiten-Gradmessung (S. 41) eine ausführliche Beschreibung und Zeichnungen, die 
im Wesentlichen mit Liebherr’s älterer Zeichnung übereinstimmen. Ob jene Um 
gestaltung des Instruments ohne Schaden oft wiederholt werden durfte, ist wohl zu 
bezweifeln. 
Reichenbach’s Borda-Kreise sind den ursprünglich von Le Noir gebauten in den 
Hauptzügen nachgebildet; doch haben sie den Vorzug, daß die schon von Puissant 
beanstandete hohe und schlanke Säule durch einen sehr kräftigen Gußfuß ersetzt ist; 
auch ist statt der wenig zweckmäßigen Tangentschraube mit Gang ohne Ende an 
der hinteren Scheibe der Kreisachse eine Klemme mit Stellschraube in Kugellagern 
eingeführt. Ueberdies sind sie den älteren Instrumenten in den Theilungen beträchtlich 
überlegen (M. C. 10 , 356). Das Bild [Fig. 141 a ] zeigt Schumacher’s Instrument von 
1819; die im Wesentlichen gleiche Zeichnung Liebherr’s trägt die irreleitende Be 
zeichnung »Großer Theodolit« [Fig. 141 b ]. 
x ) Carl Friedrich Gauss, Braunschweig 1777 — Göttingen 1855. 
fi Friedrich Wilhelm Struve, Altona 1793 — Pulkowa 1864.
	        
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