11. Variabilität und ihre Vererbung 517
>r Kampf die oben erörterten fluktuierenden Variationen oder Parava-
de Vries riationen, die nicht erblich sind, sondern lediglich verschiedene Aus-
In (1900). prägungen des „„Phänotyps‘“ (Erscheinungsbildes) bei gleichem „Genotyp“
;hung der infolge verschiedener Umweltbedingungen vorstellen. Es gibt zum zwei-
er Pflanze tenMixovariationen, d.h.die verschiedenen Mendel-Kombina-
ıdern um tionen. Diese sind zwar erblich, stellen aber ebenfalls für eine Abstam-
Verdacht mungslehre keine ausreichende Basis vor, denn sie liefern ersichtlich
N niemals etwas wirklich Neues, sondern stets nur Neukombination von
schon Vorhandenem, wenn auch in fast unendlicher Fülle. Es gibt aber
drittens auch wirkliche Mutationen oder Idiovariationen, d.h.
wirkliche Änderungen des Keimplasmas, und diese Änderungen
sind erblich. Daß eine Abstammungstheorie nur mit erblichen Varia-
tionen etwas anfangen kann, liegt auf der Hand. Die Frage, die uns zu-
nächst zu beschäftigen hat, ist demnach, wodurch solche, d. h. also präzis
gesprochen, wodurch neue ‚„‚Erbeinheiten‘“‘ erzeugt werden können, und
wie man. sich deren Entstehung im Laufe der Erdgeschichte etwa vor-
zustellen hätte. Diese Frage ist so fundamental wichtig, daß wir ihr
hier eine ausführliche Erörterung gönnen müssen. Im Mittelpunkte
derselben steht das Problem der Vererbung der erworbenen
Eigenschaften‘),
Wir müssen, um dieses Problem von allen Seiten richtig zu sehen,
hier zuerst noch einiges Tatsachenmaterial nachtragen, was an sich
ebensogut schon oben bei der Vererbungslehre hätte seinen Platz finden
können. Zunächst mag noch einmal ausdrücklich darauf hingewiesen
werden, daß der Genotyp, d.i. die Gesamtheit der Erbanlagen eines
Individuums, nicht eine Summe fertiger Merkmale, sondern eine Summe
von „Potenzen‘‘ darstellt, die das betreffende Individuum befähigen,
unter bestimmten äußeren (Umwelt-) Bedingungen so oder so zu reagie-
ren. Hierfür sei an dieser Stelle noch ein besonders eindrucksvolles Bei-
spiel angeführt. Die chinesische Primel blüht, wie allgemein bekannt, bei
Hei Vries uns in einer weißen und einer roten Varietät (die sich im übrigen wie die
>blonga, Mendelschen Erbsen zu Kreuzungsexperimenten verwerten lassen).
Nun kann man durch Halten der roten Varietät in einem stark über-
hitzten Treibhause es erreichen, daß die Pflanze nicht rot, sondern weiß
ber Mög- blüht. Ihr Phänotyp ist also geändert, er gleicht jetzt (abgesehen von
>» zu ent- den sonstigen kleinen Unterschieden der beiden Spielarten) dem Phäno-
ällen das typ der anderen Rasse. Und doch ist der Genotyp gänzlich ungeändert
glaubte: geblieben und bleibt es auch, wenn man diese Kultur bei hohen
ftretende Temperaturen noch so lange fortsetzt. Sobald man die Nach-
in sonst kommen der veränderten Pflanze wieder in. die normalen Bedingungen
bringt, ist auch die rote Blütenfarbe wieder da. Man sieht also: die
drei fol- betreffende Erbeinheit (der Mendel- Forscher sagt: das betreffende Gen)
m ersten ist nicht die rote Blütenfarbe als solche, sondern nur die Fähigkeit, bei