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damit Begünstigter, wird der Begriff meistens weiter gefasst.
Theils weil man den aus _Unkenntniss gemachten Angriffen
ebenfalls begegnen will, theils weil das gewisse Vorurtheil,
das schon an dem Begriff haftet, je leichter bekämpft wird,
je weiter man den Begriff auch auf Fälle ausdehnt, bei denen
die Beschwerde leicht zurückgewiesen werden kann. —
Wenn man nach den ersten Spuren des Begriffs Differen-
zialtarif forscht, erkennt man, dass man sich schon über Tarif-
ungleichheiten beklagte, ehe der Name gebräuchlich war. All-
gemein ist die Benennung erst geworden, als man anfing zu
; versuchen, die Abweichungen von der Regel in Systeme zu
5 bringen.
; Man würde zu einem unrichtigen Bild kommen, wenn
man die Geschichte der Menschheit, die Kulturgeschichte aus
den Akten der Gerichtssäle herauslesen wollte. Nur ein kleiner
Theil der Vorgänge im Wirken eines Volkes gelangt in die
Gerichtssäle und, während die Handlung immer nur einem
bestimmten Ziel zugewandt wird, unterstellt der Ankläger im
ı Gerichtssaal eine Reihe von Möglichkeiten, verfertigt der Ver-
Y theidiger eine Fülle von Begründungen, gleichgültig, ob die
\ eine oder andere der Parteien je zuvor nur eine Ahnung von
C solchen Unterstellungen hatte. Wer das Wirken wie es ist,
5 erkennen will, muss es im Leben selbst aufsuchen. Ebenso
Y wird man auch die Gestaltung der Tarifbildungen beim Bahn-
5 verkehr nicht aus dem Streit darüber, wie er sich in den in
\ die Oeffentlichkeit gelangten Beschwerden und bei den Ver-
; handlungen darüber darstellt, zu erkennen vermögen. Nur ein
kleiner Theil der Vorgänge gelangt vor dieses Forum und
das meiste, was dabei zu Gunsten der Differenzialtarife gesagt
| wird, war bei deren Bildung nicht maassgebend und wollte
auch meistens von der Seite, von der es vorgeschützt wurde,
nicht als allgemein maassgebender Faktor aufgestellt werden.
1 — Wenn Lehr z. B. unter den Entstehungsursachen der