MO Erster Teil. Viertes Buch.
In diesem Sinne sind auch seine Dichtungen — die ihm ebenfalls einen
grofsen Namen gemacht haben — abgefafst, aus denen die folgenden
Verse als Zeugnis dienen mögen:
„Teurungen, Kriege, Pest, Neid und Betrug
Und Uppigkeit und Ungerechtigkeit, ;
Trägheit, Unwürde, — alle wurzeln sie
In schnöder Eigenliebe. Diese wurzelt
Tief in Unwissenheit. Unwissenheit,
Die Mutter Aller, sie entwurzle — ich.“
Mit diesen platonisierenden Prinzipien verbanden sich noch chiliastische
Ansichten, die er aus der christlichen Mystik geschöpft hatte, wie sie ım
Anschlufs an die Apokalypse vor allem durch Joachim von Floris ent-
wickelt worden war.
So stellte er — trotz seiner These, man müsse die Welt durch
die Sinne begreifen — faktisch ein gänzlich metaphysisches System
auf, das von den allgemeinsten Begriffen aus zum Kerne aller Dinge
vorzudringen strebt. Gott enthält danach drei bestimmte Kigenschaften:
Macht, Weisheit und Liebe. Und da Gott das höchste Sein darstellt, so
mufs alles endliche Sein, das ja nur eine Einschränkung des höchsten
Seins ist, auch jene drei Eigenschaften (die sog. „Primalitäten“) enthalten.
Das heifst also: jedes Ding repräsentiert einmal Macht, indem es besteht
und wirkt; dann Wissen, indem es sich und die andern Dinge empfindet,
und endlich Liebe, indem es sich zu sich selber und den verwandten
Elementen, Gott einbegriffen, hingezogen fühlt. Wie aber dem Sein das
Nichtsein gegenübersteht, so sind Macht, Weisheit und Liebe durch die
Eigenschaften des Nichtseins, nämlich Ohnmacht, Unwissenheit und Hafs,
eingeschränkt, und darin liegt der Urquell alles irdischen Übels.
Gegenwärtig regiert die Unwissenheit im Bunde mit den anderen
Übeln, infolge wovon überall Zerrüttung und Verderbnis herrschen. Aber
schon regt sich allenthalben das Bedürfnis nach dem Siege des Guten,
worauf Weissagungen, Visionen und die Ergebnisse der Astrologie (deren
eifriger Anhänger Campanella war) deuten. Ein neues Licht wird an-
gezündet werden, die Unwissenheit wird zu Grunde gehen, die christliche
Weltmonarchie wird — durch das spanische Reich — hergestellt werden
und Eine Heerde unter Einem Hirten, dem Papste, sein. „Der Tag“,
schreibt er, „wo diese Einheit des Menschengeschlechts sich verwirklichen
wird, ist nicht fern; angekündigt und vorhergesagt ist er auf jeder Seite
der Geschichte des 16. Jahrhunderts. Das ungeheure Wachstum der
spanischen Monarchie ist das Werk Gottes, er hat Europas frömmstes
Volk gewählt und mit dem göttlichen Siegel gestempelt, um sich seiner
für seine providentiellen Absichten zu bedienen, er hat ihm die Schlüssel
der Neuen Welt gegeben, damit überall, wo die Sonne leuchtet, die Reli-
gion Jesu Christi ihre Feste und Opfer habe. Der katholische König
soll das &anze Weltall unter seinem Scepter vereinen, sein Titel ist kein
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