186 Erster Teil. Viertes Buch.
über charakterisieren. Darum heifst auch in der Sprache der Solarier
dieser Kaiserpapst mit Recht „Hoh“, d. i. Metaphysik. Alles endliche
Sein hat nun, wie wir weiter aus Campanellas Metaphysik wissen, drei
besondere Eigenschaften: Macht, Weisheit und Liebe. Ihnen entsprechend
giebt es im Sonnenstaat drei grofse Verwaltungsressorts; zu deren Chefs
ebenfalls von der Volksversammlung die in diesen Branchen hervor-
ragendsten Geister gewählt werden. Diese, die übrigens stets den Be-
fehlen des Kaiserpapstes gehorsam sein müssen, heifsen „Pon“, „Sin“
und „Mor“, d. i. eben Macht, Weisheit und Liebe. Unter ihnen steht
das gesamte Beamtenheer, das streng hierarchisch — genau abgestuft
nach der Tüchtigkeit der qualifizierten Person — gegliedert ist.
Macht ist Kriegsminister; ein wichtiges Ressort, da die Solarier
Kriege führen, übrigens auch schon darum sich militärisch ausbilden,
damit sie nicht verweichlichen. Weisheit sorgt für die gesamte wissen-
schaftliche und technische Ausbildung; so zwar, dafs ihm für jede Speeci-
alität die hervorragendste Person derselben als Abteilungschef beigegeben
ist. „Und sie haben nur ein einziges Buch, in dem sämtliche Wissen-
schaften kompendiös und in bewundernswert leichter Fassung zusammen-
getragen sind; das lesen sie dem Volke vor nach Pythagoräerweise“ (Cam-
PANELLA). Weisheit hat auch alle innern und äufseren Mauern mit Bildern,
Karten und Figuren schmücken und die zugehörigen Erläuterungen an-
bringen lassen, damit die Kinder unter Anweisung besonders dazu ge-
eigneter Lehrer die Wissenschaften gleichsam spielend erlernen.
Liebe endlich sorgt dafür, dafs Männer und Frauen sich so paaren,
dafs sich die beste Nachkommenschaft erwarten läfst; denn die Solarier
spötteln über die anderen Völker, die zwar eifrig um Hunde- und Pferde-
zucht sich kümmern, nicht aber um einen tüchtigen Menschenstamm.
Liebe hat aufserdem noch Jugenderziehung, Säen und Ernten der Feld-
und Baumfrüchte, Landbau, Viehzucht, Küche und überhaupt Alles,
was in den Bereich von Nahrung und Kleidung gehört, unter sich.
Jeder Mensch erhält unter diesem System seinen Platz angewiesen,
wie anderseits von Staats wegen für alle seine Bedürfnisse gesorgt wird.
Und zwar haben die Solarier absichtlich von jedem privaten Eigen-
tum, von der privaten Familie und Kindererziehung abgesehen. Denn
hiervon, sagen sie, käme die Selbstsucht, da so viele darum zu Heuchlern,
Intriguanten, Geizhälsen oder Betrügern würden. Und weiter müsse
dann die Selbstsucht, wie das Beispiel der anderen Völker bewiese, den
Unterschied zwischen Reich und Arm hervorrufen, wo dann die Armen
übergrofse Arbeit und Anstrengung auf sich nehmen müfsten und zu
Grunde gingen, während die Reichen unthätig seien und durch Trägheit,
körperliche Leiden, Geilheit und Habsucht aufgerieben würden. Und
gerade dadurch wüchsen dann wieder die Laster ins ungeheure: denn
bittere Armut mache den Menschen gemein, verschlagen, schlau, diebisch,