562 Der Mensch im Lichte der Naturwissenschaft.
währen uns die kortikalen Sprachstörungen (Aphasien benannt, im Unter—
schied zu den durch niedere Sentren hervorgerufenen Defekten). Diese
Störungen können verschiedener Art sein, je nachdem die Lauterzeugung
oder die Sinngebung der Sprache Schaden leidet. Im ersten Falle han—
delt es sich um Schädigung der motorischen Sprachbahn, deren Zentrum,
anschließend an die motorischen Zentren für Gesicht, Zunge, Schlund
und Kehlkopf in der linken untern Stirnwindung seinen Platz hat. Es
ist bei Rechtshändern nur in der linken, bei Linkshändern in der rechten
hemisphäre lokalisiert. Es beherrscht die beim Sprechen nötigen koor—
dinierten Bewegungen; ist es verletzt, so ist willkürliches Sprechen nicht
mehr möglich, wohl aber unwillkürliche Ausrufe reflektorischer Art (die
von einem tiefer gelegenen Sentrum abhängen). Wenn wir sprechen,
so werden vom motorischen Sprachzentrum aus die Impulse zu den beider—
seitigen Kindenzentren der einzelnen beim Sprechen benutzten Mus—
keln sofort in derjenigen Koordination weitergegeben, wie es zum Zu—⸗
standekommen des Wortlautes notwendig ist. Diese kinästhetischen Caut—
bilder brauchen nicht eigentlich „vergessen“ d. h. vernichtet zu sein; es
genügt anzunehmen, daß ihre Reizstärke so reduziert ist, daß sie die
Sprachbahn nicht zu innervieren vermögenue). Übrigens ist mit Schädi—
gung des genannten Zentrums nicht immer Aphasie verbunden, was
mit der Stellvertretung durch andre Zentren bzw. Bahnen erklärt wird.
Ein sensorisches Sprachzentrum wurde durch Wernicke entdeckt; es
liegt nahe dem hörzentrum im hintersten Drittel der oberen Schläfen⸗
windung; man kann es als akustisch-sensorisches oder Wortklangbild—
Zentrum bezeichnen. Hören wir sprechen, so wird diese bewußte Empfin⸗
dung durch die Funktion der Hörrinde gebildet und das Klangbild bzw.
sein physiologisches Kesiduum wird in der sensorischen Sprachsphäre auf—⸗
bewahrt, die vom akustischen Wahrnehmungsfeld deutlich getrennt ist.
Durch diese physiologischen Hilfen erkennen wir das Wort, welches wir
hören und schon früher gehört haben, als das wieder, was es ist. Andrer—
seits sind wir imstande, diese Wortklangbilder willkürlich in uns er—
klingen zu lassen, auch wenn nicht zu uns gesprochen wird d. h. eine
akustische Wortvorstellung in uns zu erzeugen. Bei Zerstörung der Sphäre
versteht also der Mensch nicht mehr, was er hört; es kann aber bei dem
engen Zusammenhang des akustischen mit dem kinästhetischen Sprach⸗
bild auch dahin kommen, daß letzteres nicht mehr ausgelöst werden kann,
also sensorische oder amnejstische Aphasie eintritt. Neben der seelischen
1160) Bei Schädigung nicht des Zentrums selbst, sondern der Bahn (sog. sub—
kortikale motorische Aphasie) bleibt die innere Sprache (wie auch der schriftliche
Ausdruck) erhalten.