h
1
Je
* A
nn
y
-
1
Elektrolytische Gleichgewichte
477
Indessen reicht es aus, um beim Zusatz von wässeriger Ammoniak-
lösung zu der eines Magnesiumsalzes das Löslichkeitsprodukt des Mag-
nesiumhydroxyds zu überschreiten. Gleichzeitig vermehrt sich aber
das Ammoniumion in der Lösung, indem sich mit dem Anion des
Magnesiumsalzes ein stark dissoziiertes‘' Salz bildet; dadurch wird die
Dissoziation des Ammoniaks zurückgedrängt (S. 461) und die Kon-
zentration des Hydroxylions nimmt entsprechend ab. Gleichzeitig wird
die Konzentration des Magnesiumions durch die Ausscheidung des
Hydroxyds geringer, und beide Umstände wirken dahin, daß das Lös-
lichkeitsprodukt auch bei weiterem Zusatz von Ammoniak nicht mehr
überschritten wird, also keine Fällung. mehr stattfindet. Hat man aber
von vornherein Ammoniaksalze zugesetzt, so wird die Konzentra-
tion des Hydroxylions aus dem Ammoniak von vornherein so gering
gemacht, daß das Löslichkeitsprodukt des Magnesiumhydroxyds nicht
erreicht wird.
Allgemein wird jeder Vorgang, der eines der lonen des
Niederschlages aus der Lösung fortnimmt, dessen Löslich-
keit befördern. So ist bekannt, daß Chlorsilber merklich in Mer-
kurinitrat löslich ist. Dies rührt daher, daß Merkurichlorid . ein sehr
wenig dissoziiertes Salz ist; durch die Gegenwart von Merkurlion aus
dem Nitrat wird also vorhandenes Chlorion in nichtdissoziiertes Queck-
silberchlorid übergeführt, und es muß: weiteres Chlorsilber in Lösung
gehen, bis die dadurch eingetretene Vermehrung des Silberions den
Verlust an Chlorion wettgemacht und das Löslichkeitsprodukt wieder
hergestellt hat.
Komplexe Verbindungen. Ein sehr häufiger Weg, auf dem Ionen
verschwinden, ist der Übergang in eine zusammengesetztere oder „kom-
plexe‘“ Verbindung. Mit diesem Namen bezeichnet man Ionen, in
denen Bestandteile vorkommen, die dort nicht Ionen sind, die aber
für sich als Ion existieren können. Solche Verbindungen sind prin-
zipiell immer, und häufig nachweisbar teilweise in die einfachen Ionen
gespalten, wenn auch deren Hauptmenge im Komplex enthalten ist.
So sind z. B. fast alle Silbersalze in Cyankalium löslich, weil Silber-
ion. sich mit Cyanion zu dem komplexen Anion der Silbercyanide
Ag (CN), verbindet. Dadurch wird die Konzentration des Silberions
in der Lösung sehr klein gemacht, und es muß durch Auflösen größerer
Mengen des festen Salzes das betreffende Anion in der Lösung ver-
mehrt werden, wenn das Löslichkeitsprodukt erreicht werden soll.
Ähnliche Fälle sind überaus häufig!). Man bezeichnet sie in der
analytischen Chemie als anomale Reaktionen, und man kann bei-
nahe die Begriffe anomaler Reaktion und Bildung einer komplexen
Verbindung als gleichwertig ansehen. Tedenfalls ist fast immer die er-
1) Eingehenderes findet sich in des Verfassers Wissenschaftlichen Grund;-
lagen der analytischen Chemie, 4. Aufl.. Leipzig 1905.