676 Herder (Johann Gottfried).
Umbildung des deutſchen Lebens am Ende des vori-
gen Jahrhunderts hat er mächtiger und entſcheiden-
der eingegriffen als einer, und die Spuren ſeines
Geiſtes laſſen ſich in der Litteratur im engern Sinne,
in Fachwiſſenſchaften und Spezialzweigen, die aus
ſeinen Anregungen hervorgegangen ſind, überall nach- |
weiſen. Der verſhwenderiſche Überreichtum ſeiner
Gedanken, die Genialität ſeiner Einſichten und die
wunderbarſte Anempfindung für das e<ht Poetiſche
offenbaren fich in beinahe allen feinen Werken; die
Forderung der »Humanität«, der Heranbildung und
Läuterung zum vergöttlichten Menſchlichen, einem Le-
bens- und Bildungsideal, dem noh ganze Jahrhun-
derte nachringen können, iſt der durhgehende Grund-
gedanke in der Vielheit und Mannigfaltigkeit ſeiner
Schriften. Bei allen ſeinen Gaben war ihm die künſt-
leriſche Geſtaltungsfraft verſagt, ſo daß er als Dich-
tex nux in einzelnen glücklichen Momenten und auf
dem Gebiet der didaktiſhen Poeſie zu wirken ver-
mochte. Die Verbindung ſeines eignen ethiſchen Pa-
thos mit Stimmungen und Gefühlen, welche ihm aus
der Dichtung der verſchiedenſten Zeiten und Völker
aufgingen, war nie ohne Reiz; ſein Verdienſt als
poctiſher Überſeßer, als Aneigner und Erläuterer
fremden poetiſchen Volksgeiſtes kann kaum zu hoh
angeſchlagen werden. Die große Zahl von Herders
poetischen übertragungen aus den verjchtedenjten Spra=
hen, ihre Auswahl und die Refultate, welche H. jedes-
mal aus ihnen zog, haben einer allgemeinen, über die
»Gelehrtengeſchichte« der voraufgegangenen akademi-
ſchen Perioden hinauswachſenden Litteraturgeſchichte
den Boden bereitet. Neben den »Volksliedern«, dem
»Cid«, den Epigrammen aus der griechiſhen Antho-
logie, den Lehrſprüchen aus Sadis »Rofengarten« und
der ganzen Reihe andrer Dichtungen und poetiſcher
Vorſtellungen, welche Herders anempſfindender Geiſt
für die deutſche Litteratur gewann, ſtehen jene mor-
genländiſchen Erzählungen, jene Paramythien und Fa-
beln, die H. im Wiedererzählen benußzt, um Momente
ſeiner eignen ſittlichen Anſchauung, ſeiner Humanitäts-
lehre beizugeſellen, und die hierdur< wie durch ihre
Vortragsweiſe zu ſeinem geiſtigen Eigentum werden.
Höher aber als der Dichter ſteht überall der Proſaiker
H., der große Kulturhiſtoriker, Religionsphiloſoph,
der feinſinnige Aſthetiker, der produktive Kritiker, der
glänzende Eſſayiſt, der gehaltreihe und in der Form
anınutvolfe Prediger und Redner. Es iſt Herders
eigenſtes Mißgeſchick geweſen, daß die großen Reſul-
tate ſeines Erkennens und Strebens raſh zum Ge-
meingut der Bildung, ſeine Anſchauungen zu Allge-
meinanſchauungen wurden, ſo daß es erſt der hiſtori-
ſchen und kritiſchen Zurückweiſung auf die Genialität,
die ſeeliſche Tiefe und den verſchwenderiſhen Gedanken-
reihtum der Herderſchen Schriften bedurfte, um das
größere Publikum zu denſelben zurückzuführen.
Herders »Sämtliche Werke« erſchienen zuerſt in einer |
von JF. Georg Müller, Johannes v. Müller und Heyne
unter Mitwirkung von Herders Witwe und Sohn ver-
anſtalteten Ausgabe (Stuttg., Cotta, 1805 — 20, 45
Bde. ; Taſchenausg. mit den Nachträgen, daſ. 1827—
1830, 60 Bde., und 1852—54, 40 Bde.). Die Ent-
fremdung des Publikums veranlaßte die »Aus8gewähl-
ten Werke« in einem Band (Stuttg., Cotta, 1844), ferner
»Ausgewählte Werke«, hrsg. von H. Kurz (Hildburgh.
1871, 4 Bde.), Ad. Stern (Leipz. 1881, 3 Bde.) und
von Cotta (mit Einleitung von Laubenbacher, Stuttg.
1889, 6 Bde.). Dagegen erſtrebten wieder Vollſtändig-
feit die Ausgabe in der Hempeljchen »Nattonalbiblio-
thef« (Berl. 1869— 79, 24 Te, mit Biographie von
Dinger) und die große kritiſche, von Suphan geleitete
Ausgabe von »Herders ſämtlichen Werken « (daſ. 1877
—89, 31 Bde.), ein Zeugnis höchſter Pietät, Gewiſſen-
haftigkeit und kritiſcher Sorgfalt. Auf Grund der leßz-
tern Ausgabe gaben Suphan und Redlich »Herders
ausgewählte Werke« (Berl. 1884—87, Bd. 1—4)
heraus. Zu rühmen ſind ferner namentlich die von
Kühnemann herausgegebenen Teile der Werke in
Kürſchners » Deutſcher Nationallitteratur« (Stuttg.
1886 ff.). Eine ungekrönte Preisſchrift Herders:
»Denkmal Joh. Winckelmanns« , von 1778 gab Alb.
Duncker (Kaſſel 1882) heraus: Sammlungen von
Briefen Herders veröffentlichten Dünßer und Ferd.
Gottfx. v. Herder in den Werken: » Aus Herders Nach-
laß« (Frankf. 1856 — 57, 8 Bde.), »Herders Brief-
wechſel mit ſeiner Braut« (daſ. 1858), »Herders Reiſe
nach Jtalien« (Gießen 1859) und »Von und an H.«
(Leipz.1861—62, 3 Bde.); O. Hoffmann gab den Brief-
wechſel mit Nicolai (Berl. 1887) und mit Hamann (daſ.
1889) heraus. Vgl. auch Suphan, Goethe und H.
(» Preußiſche Jahrbücher« , 1878). Ein jehr reichhal-
tiger litterariſher Nachlaß Herders ward für die fü-
nigliche Bibliothek in Berlin angekauft und bei der
fritiſhen Ausgabe benußt.
Von biographiſch - kritiſchen Schriften über H. ſind
außer den von ſeiner Gattin geſammelten »Erinne-
rungen« (\. unten) und dem vom ſeinem Sohn Emil
Gottfried v. H. verfaßten »Lebensbild« (Erlang.
1846 —47, 3 Bde.) zu erwähnen: Danz und Gru-
ber, Charakteriftif $. ©. dv. Herders (Leipz. 1805);
ferner: 9. Döring, Herders Leben (2. Aufl., Weint.
1829); »Weimarifches Herder-Albun« (Jena 1845);
Segor dv. Sivers, H. in Riga (Riga 1868); Der-
ſelbe, Humanität und Nationalität, zum Andenken
Herders (Berl. 1869); Joret, U. et la renaissance
littéraire en Allemagne (Par. 1875); namentlich
aber das biographiſche Hauptwerk: R. Haym, H.
nach ſeinem Leben und ſeinen Werken (Berl. 1880—
1885, 2 Bde.), eine Meiſterleiſtung ſtreng ſachlicher
und zugleich liebevoller Lebensdarſtellung und Beur-
teilung. Vgl. außerdem A. Werner, H. als Theologe
(Berl. 1871); J. ©. Müller, Aus dem Herderſchen
Hauſe, Aufzeihnungen 1780—1782 (hrsg. von Bächt-
hold, daſ. 1881); Renner, Verhältnis Herders zur
Schule (Götting. 1871); Bärenbach, H. als Vor-
gänger Darwins und der modernen Naturphiloſophie
(Berl. 1877); Lehmann, H. in ſeiner Bedeutung für
die Geographie (daſ. 1883); J. Böhme, H. und das
Gymnaſium (Hamb. 1890); Kühnemann, Herders
Perſönlichkeit in ſeiner Weltanſchauung (Berl. 1893);
Derſelbe, Herders Leben (Münch. 1894); Franke,
H. und das Weimariſhe Gymnaſium (Hamb. 1894).
Herders Gattin Maria Karoline, geborne
Flahsland, geb. 28. Jan. 1750 zu Neichenweier
im Elſaß, geſt. 15. Sept. 1809 in Weimar, lebte nah
ihres Vaters Tode bei ihrer Schweſter in Darmſtadt,
wo ſie H. kennen lernte, der ſih 1773 mit ihr ver-
heiratete. Nach Herders Tode ordnete ſie deſſen litte-
rariſhen Nachlaß und ſchrieb: »Erinnerungen aus
dem Leben Herders« (hrsg. von J. G. Müller, Stuttg.
1820, 2 Bde.; neue Ausg. 1830, 3 Bde.). Der ältejte
Sohn, Wilhelm Gottfried v. H., geb. 1774 in
Bückeburg, ſtudierte in Jena Medizin, ward 1800
Provinzialakkloucheur und 1805 Hofmedikus in Wei-
mar, wo er 1806 ſtarb. Er ſchrieb: » Zur Erweiterung
der Geburts8hilfe« (Leipz. 1803) und nahm teil an
der Herausgabe der Werke ſeines Vaters. Der dritte