Full text: Intelligenz und Wille

Die materialen Voraussetzungen und Vorbedingungen der Intelligenz. II9Q 
duzierten früher erworbenen Wissens sehr oft schneller 
gelingt als die Beantwortung durch eignes Nachdenken. Und 
doch ist in diesen wie in‘ allen andern Fällen, wo das Ge- 
dächtnis als niederes Äquivalent der Intelligenz auftritt, die 
Leistung nicht dieselbe. Wenn eine Frage durch Reproduk- 
tion des erworbenen Wissens beantwortet wird, so fehlt dem 
Antwortenden der Einblick in die Begründung, die dem- 
jenigen sofort zur Verfügung steht, der durch eignes Nach- 
ı denken die Antwort gefunden hat. Hier ersetzt also das 
Gedächtnis die Intelligenz und ersetzt sie doch nicht, weil 
die geistige Leistung bei genauer Betrachtung in beiden 
Fällen eine verschiedene ist. 
Der rein gedächtnismäßige, auf Grund erlernter Kennt- 
nisse, sein Urteil fällende Mensch ist besonders darin bis- 
weilen dem denkenden überlegen, daß er durchweg schneller 
und leichter als dieser seine Ansichten bildet, wenn er zu- 
; gleich ein großes Wissen besitzt. Immer. aber fehlt seinem 
Urteil der Charakter der Selbständigkeit und Originalität, 
der Selbstfindung und der Begründung. 
Wie sehr das Gedächtnis die höhere Intelligenz zu er- 
setzen vermag, sehen wir auch hier wieder an dem Beispiel 
der Tiere, Es ist, wie schon bemerkt wurde, sehr wahr- 
scheinlich, daß selbst die intelligentesten Tiere nur schwache 
eigentliche Überlegung zeigen, ihre gesamte geistige Lei- 
stung wird gedächtnismäßig ausgeführt, und doch kann der 
intelligente Hund, der intelligente Elefant und manche Affen- 
arten und ebenso manche niedern Tiere, wie viele Insekten, 
insbesondere Ameisen und Bienen, den Eindruck großer 
Intelligenz machen. In allen diesen Fällen liegen, wie man 
namentlich durch Untersuchungen der geistigen Leistungen 
der Insekten gezeigt hat, nur ganz elementare Surrogate oder 
sehr niedere Äquivalente der Intelligenz vor. Insbesondere 
ist bei den Ameisen und Bienen, den Hornissen, Wespen und 
Hummeln ein mechanisches Arbeiten von Instinkten vor- 
handen, das in den Endresultaten der geistigen Leistung eine 
überraschende Intelligenz vortäuschen kann, während eine 
genauere Untersuchung der Art und Weise, wie diese Lei- 
stungen zustande kommen uns immer wieder bezeugt, daß 
das geistige Leben dieser Insekten mit den denkbar niedrig- 
sten Gedächtnisleistungen arbeitet. 
Noch vor kurzem sind eine Anzahl höchst scharfsinniger 
Untersuchungen von N. Wagner über das Seelenleben der
	        
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