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man mich in Dorpat an Huths Stelle auf die Wahl brächte. Man
hat Brandes, gestützt auf eine frühere Aeußerung von ihm, gewählt
gehabt; neuere Nachrichten von ihm haben es aber wahrscheinlich
gemacht, daß er nicht kommen würde. Nun würden mich freilich
die scheinbar vorteilhaften pekuniären Bedingungen (500 Dukaten
und Sorge für die Hinterbliebenen) nicht bewegen können, in diese
Ferne zu ziehen, wenn nicht, im V er trauen gesagt, auch neuerdings
hier einige Umstände eingetreten wären, die es mir zur Pflicht
machten, die Anfrage nicht geradezu von der Hand zu weisen. Die
zu Bonn zu errichtende Universität scheint der unserigen in mehrerer
Hinsicht Abbruch tun zu wollen. Wurzer und Mackeldey (Haupt-
Columnen ihrer Fakultäten) gehen bestimmt auf Ostern dorthin ah,
neuerdings ist sogar auch Arnoldi in seinem hohen Alter noch
voziert (ob er es annimmt, ist noch nicht entschieden) und aller
Wahrscheinlichkeit nach stehen noch mehrere auf dem Sprung. In
Kassel sieht man dem Ding mit philosophischer Ruhe zu, scheint
auch keine Anstalt zu machen, die Lücken auf eine angemessene
Weise zu füllen. So sind wir hier wirklich in einer kritischen
Lage, und es würde uns eine wahre innere Auflösung drohen, wenn
wir nicht von Tag zu Tag hofften, es würde die Natur der Sache in
Kassel zu kräftigen Maßregeln für die Erhaltung und den Flor der
Universität hintreiben. — Meine Lage hängt aber, wie die der
meisten anderen Kollegen, sehr enge mit der Lage der Universität
im allgemeinen zusammen, denn abgesehen davon, daß unsere
pekuniären Verhältnisse immer so sind, daß auch kleine Aende-
rungen in der Frequenz für uns bedeutend werden, ist auch bei mir
noch der Umstand, daß ich vorderhand noch gar kein Mittel habe,
meine Kräfte dem publico nützlich zu machen, als eben durch das
Dozieren. Diese letzteren Umstände verbieten mir nun, den
Struveschen Antrag (den ich seiner Anforderung nach schnell be
antworten soll) kategorisch abzulehnen, so wie so vieles andere
mir ebenso sehr verbietet, ihn anzunehmen. Ich muß notwendig
erst absehen, welche Wendung die Sachen hier nehmen, ehe ich
mich entschließe, mir den Rückzug ganz abzuschneiden.
Ich schließe hier heute mit den herzlichsten Empfehlungen an
die Ihrigen und füge nur noch die Bitte um die Fortdauer Ihrer
Liebe bei. ^ , T i •
Ganz der Ihrige
Gerling.
N. S. Der Grund, warum ich Sie ersuchte, mir die kleine Ab
handlung vor dem Jahreswechsel zurückzusenden, war der, daß
nach einem vorläufigen Beschluß mit Anfang dieses Jahres ein
Band Abhandlungen der naturf. Ges. erscheinen sollte, in welchem
ich von meinem Aufsatz auch Gebrauch machen wollte. — Es sind
aber neuerdings wieder Hindernisse eingetreten, so daß ich froh
sein will, wenn im Laufe dieses Jahres etwas erscheint.
Briefwechsel Gauß und Gerling. 13