Full text: Briefwechsel zwischen Carl Friedrich Gauss und Christian Ludwig Gerling

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man mich in Dorpat an Huths Stelle auf die Wahl brächte. Man 
hat Brandes, gestützt auf eine frühere Aeußerung von ihm, gewählt 
gehabt; neuere Nachrichten von ihm haben es aber wahrscheinlich 
gemacht, daß er nicht kommen würde. Nun würden mich freilich 
die scheinbar vorteilhaften pekuniären Bedingungen (500 Dukaten 
und Sorge für die Hinterbliebenen) nicht bewegen können, in diese 
Ferne zu ziehen, wenn nicht, im V er trauen gesagt, auch neuerdings 
hier einige Umstände eingetreten wären, die es mir zur Pflicht 
machten, die Anfrage nicht geradezu von der Hand zu weisen. Die 
zu Bonn zu errichtende Universität scheint der unserigen in mehrerer 
Hinsicht Abbruch tun zu wollen. Wurzer und Mackeldey (Haupt- 
Columnen ihrer Fakultäten) gehen bestimmt auf Ostern dorthin ah, 
neuerdings ist sogar auch Arnoldi in seinem hohen Alter noch 
voziert (ob er es annimmt, ist noch nicht entschieden) und aller 
Wahrscheinlichkeit nach stehen noch mehrere auf dem Sprung. In 
Kassel sieht man dem Ding mit philosophischer Ruhe zu, scheint 
auch keine Anstalt zu machen, die Lücken auf eine angemessene 
Weise zu füllen. So sind wir hier wirklich in einer kritischen 
Lage, und es würde uns eine wahre innere Auflösung drohen, wenn 
wir nicht von Tag zu Tag hofften, es würde die Natur der Sache in 
Kassel zu kräftigen Maßregeln für die Erhaltung und den Flor der 
Universität hintreiben. — Meine Lage hängt aber, wie die der 
meisten anderen Kollegen, sehr enge mit der Lage der Universität 
im allgemeinen zusammen, denn abgesehen davon, daß unsere 
pekuniären Verhältnisse immer so sind, daß auch kleine Aende- 
rungen in der Frequenz für uns bedeutend werden, ist auch bei mir 
noch der Umstand, daß ich vorderhand noch gar kein Mittel habe, 
meine Kräfte dem publico nützlich zu machen, als eben durch das 
Dozieren. Diese letzteren Umstände verbieten mir nun, den 
Struveschen Antrag (den ich seiner Anforderung nach schnell be 
antworten soll) kategorisch abzulehnen, so wie so vieles andere 
mir ebenso sehr verbietet, ihn anzunehmen. Ich muß notwendig 
erst absehen, welche Wendung die Sachen hier nehmen, ehe ich 
mich entschließe, mir den Rückzug ganz abzuschneiden. 
Ich schließe hier heute mit den herzlichsten Empfehlungen an 
die Ihrigen und füge nur noch die Bitte um die Fortdauer Ihrer 
Liebe bei. ^ , T i • 
Ganz der Ihrige 
Gerling. 
N. S. Der Grund, warum ich Sie ersuchte, mir die kleine Ab 
handlung vor dem Jahreswechsel zurückzusenden, war der, daß 
nach einem vorläufigen Beschluß mit Anfang dieses Jahres ein 
Band Abhandlungen der naturf. Ges. erscheinen sollte, in welchem 
ich von meinem Aufsatz auch Gebrauch machen wollte. — Es sind 
aber neuerdings wieder Hindernisse eingetreten, so daß ich froh 
sein will, wenn im Laufe dieses Jahres etwas erscheint. 
Briefwechsel Gauß und Gerling. 13
	        
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