Full text: Allgemeine Bau- und Wohnungshygiene (4. Band)

   
   
  
  
   
  
  
  
   
   
  
  
  
   
  
  
   
    
  
  
  
   
  
  
  
   
  
  
    
   
  
   
  
   
   
  
   
     
       
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Das Wohnhaus. 851 
örtlichen und persönlichen Verhältnissen abwägen. Reicht ein Ein- 
kommen kaum aus, die dringend notwendigen Ansprüche an die 
Lebenshaltung für eine in Frage kommende Familie zu bestreiten, dann 
darf es stets als ein niedriges bezeichnet werden. 
Derartige „niedere Einkünfte‘ findet man allerdings in allen Ständen 
und Schichten der Bevölkerung, unter dem Adel wie im Bürgerstande, 
unter Hochgestellten und Gebildeten wie unter Leuten einfachster Lebens- 
stellung. Für alle diese liegt das dringende Bedürfnis vor, alles zur 
Lebenshaltung Erforderliche, vornehmlich die Wohnung, preiswert d. h. 
möglichst zum Erzeugungspreis erlangen zu können (z. B. auf dem 
Wege des Genossenschaftswesens), aber die Ansprüche an die Wohnung 
würden zu verschiedenartig sein, um eine gemeinsame Behandlung zu- 
zulassen. 
Ist daher an dieser Stelle von Wohnungen für „Leute mit niederen 
Einkünften“ oder kurz gefaßt von „Arbeiterwohnungen“ die Rede, dann 
sind darunter Wohnungen für Leute mit einfachen Lebensansprüchen 
zu verstehen. Nur soweit es sich um die öffentliche Anteilnahme und 
um Genossenschaftsbildung handelt, wird dieser Begriff zu erweitern sein. 
3. Die Wege zur Beschaffung von Arbeiterwohnungen *). 
Wenn zur Zeit in allen Kulturländern der „Arbeiter-Wohnungs- 
frage“ eine rege Anteilnahme entgegengebracht wird, so hat vor allem 
die Erkenntnis hierzu beigetragen, daß man die Lage der wirtschaft- 
lich ungünstig Gestellten am ehesten durch die Gewährung einer in 
jeder Hinsicht entsprechenden Wohnung für niedersten Preis zu ver- 
bessern vermag. Eine allgemeine l.ohnerhöhung bewirkt z. B. nur auf 
verschwindend kurze Zeit eine Verbesserung der Lage der Lohnarbeiter. 
Es tritt durch sie unabweisbar eine Entwertung des Geldes ein, da der 
Preis fast jeder Ware — vor allen Dingen aber der Wohnung — durch 
die Höhe der Arbeitslöhne bedingt wird. Daher erfolgt nach kurzer 
Verbesserung der Lage der Lohnarbeiter alsbald ein Rückschlag, der 
um so bitterer empfunden wird, weil die Leute sich inzwischen an eine 
etwas bessere Lebenshaltung gewöhnt haben, und welcher tief eingreift 
in die wirtschaftlichen Verhältnisse jenes großen Teiles der Bevölkerung, 
der auf ein fest bestimmtes Einkommen von mäßiger oder geringer 
Höhe angewiesen ist. 
Will man daher allen wirtschaftlich Schwachen 
dauernd nützen, dann muß man trachten, ihnen das zu 
ihrer Lebenshaltung Erforderliche in guter Beschaffen- 
heit zum Erzeugungspreise zu bes chaffen. Erfahrungs- 
gemäß kommt hierfür in erster Linie die Wohnung in Betracht. 
Diese große Aufgabe harrt nicht nur gegenwärtig ihrer 
Lösung, sie wird dieses für alle Zeiten thun, sie ist eine bleibende. 
Nur das Maß, in welchem zu helfen ist, wird sich ändern; und zwar 
läßt das stetige, rasch steigende Anwachsen der Bevölkerung folgern, 
daß diese Aufgabe sich ebenso stetig und rasch vergrößern wird, sie 
dürfte aller Voraussicht nach in nicht allzu ferner Zeit einen ge- 
waltigen Umfang annehmen. 
Bislang stehen die Leistungen weit hinter dem Erforderlichen 
zurück, und je länger man zaudert, thatkräftig an die Lösung dieser 
*) Vergl. auch den Abschnitt von Wernich am Schluss dieses Bandes. 
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