Entstehung des Urtheils. 139
des Gedankens, der die Wahrnehmung spiegelt, nahe legen, dass sie aber
die besondere Form, welche diese Gliederung annimmt, nicht erklären.
Denn niemals wird aus dem objectiven Inhalt der Wahrnehmung begreif-
lich, warum der Gegenstand als Subject des Urtheils die veränderliche
Erscheinung als Prädicat zu sich nehmen soll, um, wenn etwa an dem
Gegenstand auch noch eine dauerndere Eigenschaft, an der Handlung eine
nähere Bestimmung oder ein Object zu unterscheiden ist, diese Unter-
scheidungen erst als secundäre Gliederungen zuzulassen. Mit einem Wort:
die Zerlegung des Urtheils nach dem Princip der Zweigliederung wird
nicht aus objectiven, sondern nur aus jenen subjectiven Bedingungen des
Denkens verständlich, die wir früher als discursive Beschaffenheit des-
selben bezeichnet haben *). Dieselbe entspringt aus der simultanen Einheit
der Apperception auf der einen und dem stetigen Zusammenhange der suc-
cessiven Apperceptionsacte auf der andern Seite. Discursiv nennt man
das Denken eben desshalb, weil es nie gleichzeitig mehrere Verbindungen
vollzieht, sondern in einem einzigen Acte immer nur von einer bestimmten
Vorstellung zu einer einzigen andern fortschreiten kann. So stellt es das
Netz seiner Beziehungen immer nur von einem Punkte zum andern hin-
und herlaufend her.
Doch dieser ungetheilte Verlauf gilt für alle Apperceptionsacte , für
eine Associationsreihe so gut wie für das logische Denken. Der Verlauf
des letztern gewinnt erst seine nähere Bestimmung, indem zu dem ein-
22 heitlichen Fortschritt der Apperception noch die fundamen-
SS talen Unterscheidungen der Gegenstände und ihrer Verände-
Bean rungen hinzutreten, welche ebenfalls in der Apperception ihre
Me Quelle haben. Das Selbstbewusstsein sondert sich von den wechselnden
$ Vorgängen, die sich ‚in ihm ereignen. Diese Handlung vollzieht sich aber
erst uch nicht etwa so, dass zuerst das Ich vorhanden wäre, welchem dann die
10 ES BE Vorstellung als ein Aeusserliches gegenübergestellt würde, sondern das Selbst-
jerlegun2 bewusstsein und sein Inhalt ist zunächst als ein Ganzes gegeben, das sich
Die Grm dann erst in seine Glieder trennt.
ır aus (EM Die nämliche Gegenüberstellung, die sich vermöge der Unterscheidung
Inhalt. des des Actes der Apperception von ihrem Inhalt in unserm Selbstbewusstsein
at, ehe € vollzieht, erneuert sich nun fortwährend an diesem Inhalte selbst. Denn,
Urtheilen wie sich die Apperception als eine constante Thätigkeit abhebt von dem
ıng des wechselnden Inhalt des Appercipirten, so sondert sich an unsern Vor-
danken In stellungen von den wechselnden Vorgängen der bleibende Gegenstand, auf
las Urtheil den wir diese Vorgänge beziehen. Und hier kommt nun jene Beschaffen-
heit der Wahrnehmung zu ihrer Geltung, vermöge deren diese zwar nicht
ng, die zwingender Grund, aber äusserer Anlass zu einer Unterscheidung wird, in
hir jedes der sich fortsetzt was in unserem Selbstbewusstsein begonnen hat. Von
en, dass
oderung *) Abschnitt I. Cap. II. S. 58.