24 Durch Rußland, Sibirien und die Mandſchurei
erreihe. Die Kontrolle wird ſeltſamerweiſe von engliſhen Zollbeamten be-
ſorgt — wie kommen ſie hierher? Chineſiſches Militär, mandfhurifche Pad:
träger, Ruſſen aller Art wimmeln pêle-mêle dureinander. Überraſchend
ſind die nagelneuen Uniformen und Miüsen der chineſiſ<hen Soldaten. Der
Zug, der uns aufnimmt, beſteht aus höchſt luxuriöſen Schlafwagen und
einem herrlichen Speiſewagen von europäiſher Gepflegtheit, alles blißend
in Sauberkeit und Friſche. Dieſer Luxus empfängt einen wie eine neue Welt
nach all dem ſowjetruſſiſchen Schmut, auch das bänglihe Gefühl der Un-
ſicherheit iſt verſ<hwunden und man atmet auf wie in einer neuen Welt. Die
Buntheit und Ungeniertheit der Zuginſaſſen fällt um ſo mehr auf. Die
blauen chineſiſ<hen Rö>e und Jaen werden immer häufiger, man ſieht auf
einmal hübſche, gelbhäutige Mädchen mit Bubikopf und Hoſen, dazu die
Heinen, höchft fauberen hinefifchen Soldaten in den verſchiedenſten Unifor-
men im Zug und vor jedem der Kleinen, auf ruffiiche Art aus Stein gebauten
Stationshäufer. Das alles iſt nett, munter und höchſt erfreulich.
Das Wetter war herrlich, ein ganz ſtrahlender Tag von unſägliher Sonne
und Klarheit. Wir fuhren durd eine endloſe Steppe, die ganz flach mit gel-
bem Gras und etwas Schnee bede>t bis zur unüberſehbaren Ferne fic
breitet, wo Bergrü>en ganz blaß und kaum geahnt aufdämmern. Hier wächſt
kein Baum, kein Strauch, nur zuweilen leihte Erhebungen wie Dünenwel-
len. Hier und da weidet ein wenig Rindvieh, auh Schafherden ſoll es geben.
Einmal ſieht man einen kleinen Mongolen auf langgeſ<hwänztem Pferdchen
durch die Ebene galoppieren. Gegen Abend kommen kahle Hügel näher. Gelb
und Violett ſind die Farben der Erde, darüber liegt das endloſe Blau, das
der Abend mit Gold übertönt. Jett gibt es auch vereinzelte Waſſerläufe, die
von weitem durch Baumgehölze erkennbar ſind. Doh immer noch herrſcht
die Dde und Weite der Ebene, die Herrlichkeit des langiam fid) entfärbenden
Kriftallgewölbes, in dem die erſten Sterne über der Einſamkeit der Erde
aufleuchten.
Auch heute kam ein leuchtender Morgen und ein unbefchreiblich heller Tag
voll kriſtallener Kälte und Friftallener Klarheit. Die Landſchaft war beleb-
ter und bebauter geworden. Man ſah in der Ebene viele verſtreute Gehöfte,
jeßt ausgefprochen chineſiſche DBauerngehöfte mit einem Hauptgebäude und
rehtedfig ummauertem Hof — meiſtens wohl Lehmmauern und Strohdäder.
Um die Höfe ftanden Baumgruppen, dann ringsum weite bearbeitete Felder.
Um 8.40 Uhr waren wir pünftlih in Charbin. Meine beiden chinefifchen
Neifegenoffen, Mr. Cheng aus Kanton und Mr. Chang aus Tientſin, die
hier ebenfalls Aufenthalt hatten, boten fi auf das freundlichfte an, mir
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