Full text: Wanderfahrten eines Kunstfreundes in China und Japan

   
  
28 Durch Rußland, Sibirien und die Mandfhurei 
dag liebenswürdigfte auf und war mir während dieſer paar Tage eine große 
Hilfe. Zunächſt habe ih mir die alte Chineſenſtadt angeſehen, eine kleine 
und enge Welt mit nüchternen Häuſern und malerifchen Dächern. Die 
Hauptſtraßen ſind merkwürdig verbrämt mit unzähligen Telegraphenſtangen 
und hängenden Drähten, die wie ein modernes Ornament dieſe altertüm- 
lihen Anlagen durchziehen. Jn den Läden und Buden ſuchte ih vergeblich 
etwas Hübſches oder gar Koſtbares zu finden. Die Ihweren Mauern und 
Stadttore, der Glo>en- und der Paukenturm machen immerhin einen gewiſ- 
ſen Eindru>. Jch betrat einen Buddha-Tempel mit goldgelben Dächern und 
ſah die Lamaprieſter beim Gottesdienſt, verwahrloſt in {<mußigen Roben, 
ſah einen kleinen K’ung-tje-Tempel, auch er enttäuſchend. Die mandſ\churi- 
hen Kaiſer haben hier in ihrem Heimatland offenbar ein verkleinertes Pe- 
king begründen wollen, aber es iſt eine beſcheidene Provinzhauptſtadt geblie- 
ben. Auch vom einſtigen Kaiſerpalaſt, in dem ſie zuzeiten reſidierten, iſt nichts 
Impoſantes mehr zu ſehen bis auf die Audienzhalle mit ihrem Vorhof, einem 
wunderſchönen ahte>igen Pavillon. Mit Schaudern las ich angeſchrieben, 
daß er jeßt als World Radio Receiving Station. benukt wird. 
Das Schönſte hatte ih dank dem Mißverſtändnis eines Kutfchers gleich 
am erſten Vormittag vorausgenommen. Dieſer fuhr mich vor die Stadt 
hinaus zum Pei-ling, dem nördlichen Kaiſergrab, wo der Vater des erſten 
Mandſchuherrſchers, der in Peking den Drachenthron beſtieg, beſtattet iſt. 
Auf holpriger Straße und dur< wüſte Ländereien kam ih zu einem um- 
mauerten Park voll alter dunkler Bäume, durch den die Graballee mit ihren 
Steinfiguren vom Pavillon mit der Seelentafel zur weißen Marmorter- 
raſſe mit dem Tempel unter den goldgelben Dächern führt. Hinter ihm liegt 
der von Mauern und Zinnen umſchloſſene Grabhügel. — Jch wanderte ein- 
ſam durch die tiefe, fonnenElare Stille, betrat den Tempel und ſtieg hinauf 
zur oberen Terraſſe. Eine gläſerne Ruhe und tiefer Frieden umgab mich, 
nur die Wipfel des Hains flüſterten im leiſen Morgenwind. Auf einmal 
ſtand ein blutjunger Soldat mit aufgepflanztem Bajonett neben mir, fragte, 
woher ih komme, und wollte den Ring an meiner Hand näher betrachten. 
Ich witterte: Vorſicht!, wehrte ſeine Neugier energiſch ab und erklärte ihm 
freundlich, daß ih Deutſcher ſei. Das wirkte, und der Soldat zog ſih höf- 
lih zurü>. Erſt ſpäter habe ich erfahren, daß dies Abenteuer auch gefähr- 
lic) hätte ausgehen Fünnen, denn die Näuberinftinfte ſollen bei dieſen Krie- 
gern ſtark ſein, ſobald ſie ſelbſt eine Waffe haben, der andere aber Wert- 
gegenſtände beſit. Das öſtliche Kaiſergrab, das noch {öner ſein ſoll, habe 
ich jedenfalls nicht beſehen können, da es weiter entfernt liegt und kein Auto- 
      
   
  
   
  
  
   
   
  
   
   
  
   
   
  
   
    
   
   
  
   
  
    
   
  
   
    
  
   
    
   
   
   
   
  
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