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Sechstes Kapitel. Die Organempfindungen. 169
man nun in der Drehungsempfindung dieser sinnlichen Grundlage habhaft zu werden,
so bleibt nach allen bisherigen Untersuchungen nichts übrig, als die schon bekannte
Tastempfindung. Das führt zur dritten Gruppe der Ansichten, die eine Mittelstellung
zwischen den beiden früheren einnimmt.
3. Nach ihr liegt im statischen Sinn außer den schon genannten sonstigen
Wirkungen auch etwas Bewußtes vor, aber nicht mit neuartigen Quali-
bäten, ähnlich dem Geruch oder Ton oder der Wärme. Die Aufstellung eines
statischen Sinnes hat also eine ähnliche Bedeutung wie beim kinästhetischen Sinn,
und wie wir sie bei den Organempfindungen wieder finden werden. Schon Wundt
gab diese Erklärung: Die Qualitäten dieses Sinnes machten eher den Eindruck von
Tastempfindungen. Es sei hier nicht wie bei einem Menschen, dem die Welt der
Farben und Töne verschlossen sei, die dann durch nichts anderes ersetzt werden
kann; denn der Ausfall dieses Sinnes werde durch andere Sinne völlig gedeckt. —
Damit soll nicht gesagt sein, daß man ohne statischen Sinn ganz dasselbe leisten
wird wie mit ihm — bei geschlossenen Augen macht sich der Ausfall sehr wohl
bemerkbar —, sondern nur, daß einem durch den Ausfall nicht eine ganze Welt
von Qualitäten zu Grunde geht, die man anderswo nicht wiederfände. Was aus-
fällt, kann seiner Art nach auch‘ sonst geboten werden; es sind die sonst durch
Tastsinn oder Gesichtssinn wahrnehmbaren Bewegungen, nur daß sie im statischen
Sinn unter andern Umständen und in anderem Umfang auftreten.
Diese Ansicht findet heute viele Vertreter. So nimmt Pillsbury keine eigenen
Qualitäten an, wie es scheint auch Titchener. Griffith findet in seiner eingehenden
Zergliederung nirgendwo eine neue Qualität, die in neuem Sinn Drehungsempfindung
heißen könnte. Es sei immer Zug, Druck, Spannung durch den Körper, im Kopf usw.
Wenn das alles einen gewissen verwirrenden Grad erreicht, vereinigt es sich zum
bekannten Schwindelgefühl. Bezeichnend ist auch, daß bei Wiederholungen diese
Erscheinungen immer mehr nachlassen, die Empfindungen nun leichter zu zerlegen
sind, dann die äußeren Empfindungen mehr hervortreten und selbst die Bedeutung
der Drehung tragen. Das gelingt schon annähernd, wenn man sich subjektiv ein-
stellt, die Verwirrung auszuschließen. Sicher aber kommt es sonst bei einem Sinn
mit eigenen. Qualitäten nicht vor, daß bei ihm die eigene Qualität immer mehr
zurückträte, durch bloße Wiederholung an verschiedenen Tagen.
Nach allem verdient die letzte Ansicht den Vorzug, die im statischen
Sinnesorgan einerseits die Reflexleistungen anerkennt, aber darin auch
den Ort sieht, an dem Empfindungen ausgelöst werden, wenn auch diese
Empfindungen keine ganz neuen Qualitäten beibringen.
Sechstes Kapitel.
Die Organempfindungen.
Literatur. Meumann, Zur Frage der Sensibilität der inneren Organe, in ArGsPs 9
1907) 26 ff. — Becher, Über die Sensibilität der inneren Organe, in ZPs 49 (1908) 341 ff. —
Meumann, Weiteres zur Frage der Sensibilität usw., in ArGsPs 14 (1908) 279 ff. und 16
1910) 228 ff. — Mosso, Die Ermüdung, 1892. — M. Offner, Die geistige Ermüdung, 1910. —
Sternberg, Das Nahrungsbedürfnis, 1913.
$ 1. Arten der Organempfindungen.
il. Gemeinsame Eigenschaften. Organempfindungen sind dem
Wortlaut nach Empfindungen, welche durch Veränderungen der inneren