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Von den wirklichen Bewegungen der Himmelskörper.
Der von den meisten Oertern der Erde bei der Rotation derselben beschrie
bene Parallelkreis (Tagkreis) liegt zum Tlieil, als Tag bogen, in der Licht-,
zum Theil, als Nachtbogen, in der Schattenseite der Erde. Ständen Erde und
Sonne still, so könnte ein Wechsel der Tageszeiten unmöglich stattfiuden; die
eine Hälfte der Erde würde beständigen Tag, die andere fortwährende Nacht
haben. Die Rotation der Erde bewirkt aber den täglichen Wechsel
zwischen Tag und Nacht. — Tritt unser Horizont, indem er sich der Licht
grenze nähert, am frühen Morgen in die Dämmerungszone, so beginnt im
Osten der Tag zu grauen; in dem Momente aber, in welchem die Licht
grenze selbst erreicht ist, werden die ersten Strahlen der Sonne sichtbar: sic
geht auf, und zwar in der Ostgegend des Horizontes. Hei fortgesetzter
Drehung der Erde neigt sich gleichsam der östliche Horizont unter die Sonne,
und diese scheint daher im Laufe des Vormittags zu steigen. Sind wir in dem
Mittelpunkte unseres Tagbogens angelangt, so ist es Mittag; die Sonne steht
am höchsten über dem Horizont und ist vom Ost- und Westpunkte desselben
gleich weit entfernt. Mit uns zugleich Mittag haben alle diejenigen Oerter,
welche auf einem Halbkreise liegen, der vom Nord- zum Südpol geht und
Mittagskreis oder Meridian genannt wird. — Während des Nachmittags
nähert sich die Westseite des Horizontes der Sonne, bis endlich am Abend,
wenn wir wieder auf der Lichtgrenze sind, der Horizont die Sonne erreicht und
diese scheinbar untersinkt. Dem Sonnenuntergänge folgt die Zeit der Abend
dämmerung, welche so lange währt, als unser Horizont in der Dämmerungszone
verweilt. Haben wir den Mittelpunkt des Nachtbogens erreicht, so ist Mitter
nacht, und die Sonne steht am tiefsten unter unserm Horizonte. Von nun an
nähert sich die Ostseite des Horizontes wieder der Sonne, bis sie am nächsten
Morgen in der angedeuteten Weise wieder aufgeht.
Daß in unsern Breiten die Tagkreise der Sonne schief gegen den Horizont
liegen, ist sehr begreiflich, da unser Horizont schief gegen die Ebenen der
Parallelkreise liegt. Auf den Polen der Erde ist der Horizont, weil senkrecht
zur Achse, parallel mit den Parallelkreisen, in Berlin, das 37 */ 2 ° vom Nordpol
entfernt ist, macht er mit diesen Kreisen einen Winkel von 37 Y 2 0 ; unter diesem
Winkel müssen daher die Tagkreise von Sonne, Mond und Sternen am genannten
Orte gegen den Horizont geneigt sein.
Daß die Sonne an jedem Tage einen andern Tagkreis zu durchlaufen
scheint, daß sie in der Ekliptik hinauf- und hinabsteigt, ist indes, wie schon
angedeutet, aus der Rotation der Erde allein nicht zu erklären.
Veränderliche Lage des Horizontes. Bei der Rotation der Erde ver
ändert der Horizont fortwährend seine Lage im Raume, und zwar in einer bei
der Besprechung des Foucaultschen Pendelversuches näher angegebenen Weise.
Es wird gut sein, hieraus noch einen Satz in Beziehung auf die Himmels
gegenden abzuleiten.
Bei der Rotation der Erde wendet der Horizont seine verschiedenen Himmels
gegenden beständig andern Punkten des Weltraumes zu. Wir erkennen dies