Full text: Malerische Perspektive

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Nachmessen nicht leicht bemerken, hat man ihn aber einmal wahrgenommen, so 
geht es Einem damit wie mit einem leichten Makel, den man an der Geliebten 
entdeckt: man übersieht ihn gerne, aber man wird ihn doch immer und immer 
wieder hinwegwünschen. Ich hatte versucht, das Bild umzuzeichnen, ihm eine 
größere Augendistanz zu Grunde zu legen und der Decke mehr Höhe zu geben, dock 
gieng es nicht, ohne das Ganze umzuarbeiten, dazu aber hätte man nichts weiter 
seyn müßen, als Albrecht Dürer selbst. Tüchtige Werke sind eben mit ihren Fehlern 
selbst so organisch verwachsen, daß nur ein ebenbürtiger Meister diese zu ver 
bessern vermöchte, der aber würde immerhin ersprießlicher thun, Eigenes zu schaffen. 
Zu unserer Frage über die passende Wahl des Augenpunktes zurückkehrend, 
begnügen wir uns mit dem Beisatz zum Vorhergehenden, daß diese Wahl eng 
zusammenhänge mit der Frage über gerade oder schräge Ansicht, welche wir, wie 
schon gesagt, erst an späterem Orte noch entscheidend zu besprechen haben. 
Bon der Augenhöhe und dem Horizont. 
31. In der seitherigen Erörterung über den Ort des Augenpunktes ist 
immer nur die Rede davon gewesen, ob dieser Ort in der Mute des Bildes oder 
auf der Seite anzunehmen sey. Es bleibt nun noch die Höhe dieses Punktes vest- 
zusetzen. Diese Höhe ist, wie wir bereits wissen, zugleich die Höhe des Horizontes; 
der Horizont des Bildes aber ist zugleich die perspektivische Darstellung des sicht 
baren Horizontes oder des Gesichtskreises, welcher sich in weiter Ebene, namentlich 
aber bei einer Aussicht auf die See als scharfe Linie ausspricht. Streng genommen 
muß allerdings wegen der Krümmung unserer Erde der Meereshorizont als wei 
tester Gesichtskreis sich stets etwas unter die Augenhöhe senken, und wenn man 
den Standpunkt zu einem Bilde etwa auf der 10000 Pariser Fuß hohen Spitze 
des Aetna annehmen wollte, so würde jene Senkung oder Depression des Hori 
zontes ungefähr den zweiundsechzigsten Theil des Augenabstandes ausmachen, was 
für ein Bild von 3 Fuß Augendistanz beiläufig einen halben Zoll betrüge. So 
viel nämlich müßte man für jenen Standort den Meereshorizont unter den Hori 
zont des Bildes setzen. Allein bei einer gewöhnlichen Höhe des Standortes wäre 
es, selbst für einen Veduttenmaler, reine Kleinigkeitskrämerei, die Senkung des 
Gesichtskremes in Rechnung nehmen zu wollen, und wir haben der Sache nur Er 
wähnung gethan, um sic eben nicht unerwähnt zu lassen. 
Der Horizont des Bildes hat jedoch außer diesem noch eine eigene perspek 
tivische Bedeutung, er ist nämlich für alle horizontalen oder wagrechten Flächen
	        
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