204 4. Abschnitt. Aen. Sylvius. = Wechselwirkung v. Entde>ung u. Beschreibung
schildert er mit gleicher Virtuosität Landschaften, Städte, Sitten, Ge-
werbe und Erträgnisse, politische Zustände und Verfassungen, sobald ihm
die eigene Wahrnehmung oder lebendige Kunde zu Gebote steht; was er
nur nach Büchern beschreibt, ist natürlich geringer. Schon die kurze Skizze *
jenes tirolischen Alpentales, wo er dur< Friedrich III. eine Pfründe be-
Fommen hatte, berührt alle wesentlichen Lebensbeziehungen und zeigt eine
Gabe und Methode des objektiven Beobachtens und Vergleichens, wie sie
nur ein durch die Alten gebildeter Landsmonn des Columbus besiken konnte.
Tausende sahen und wußten wenigstens stü>weise, was er wußte, aber sie
hatten keinen Drang, ein Bild davon zu entwerfen, und kein Bewußtsein,
daß die Welt solc<e Bilder verlange.
Auch in der Kosmographie * wird man umsonst genau zu sondern suchen,
wie viel dem Studium der Alten, wie viel dem eigentümlichen Genius der
Jtaliener auf die Rechnung zu schreiben sei. Sie beobachten und behandeln
die Dinge dieser Welt objektiv no< bevor sie die Alten genauer Fennen, weil
sie selber noch ein halbantifes Volk sind und weil ihr politischer Zustand
sie dazu vorbereitet; sie würden aber nicht zu sol<her raschen Reife darin
gelangt sein, hätten ihnen nicht die alten Geographen den Weg gewiesen.
Ganz unberechenbar ist endlich die Einwirkung der schon vorhandenen italie-
nischen Kosmographien auf Geist und Tendenz der Reisenden, der Entdeer.
Auch der dilettantische Bearbeiter einer Wissenschaft, wenn wir z. B. im
vorliegenden Fall den Aeneas Sylvius so niedrig taxieren wollen, kann
gerade diejenige Art von allgemeinem Jnteresse für die Sache verbreiten,
welche für neue Unternehmer den unentbehrlichen neuen Boden einer herr-
schenden Meinung, eines günstigen Vorurteils bildet. Wahre Entdecker
in allen Fächern wissen recht wohl, was sie solchen Vermittlern verdanken.
Für die Stellung der Jtaliener im Bereich der Naturwissenschaften
müssen wir auf die besondern Fachbücher verweisen, von welchen uns nur
das offenbar sehr flüchtige und absprehende Werk Libris bekannt ist.* Der
3 Pii II. comment. L. TI. p- 14. -- Daß er nicht immer richtig beobachtete und
bisweilen das Bild willkürlich ergänzte, zeigt uns z. B. seine Beschreibung Basels nur
zu klar. Im ganzen bleibt ihm doch ein hoher Wert.
2? Im 16. Jahrhundert hielt sich Italien no<h lange als die vorzugsweise Heimat der
fFosmographischen Literatur, als die Entde>er selbst schon fast nur den atlantischen Völ-
Fern angehörten. Die einheimische Geographie hat gegen Mitte des Jahrhunderts das
große und sehr achtungswerte Werk des Leandro Alberti: Descrizione di tutta I' Italia
aufzuweisen.
5 Libri, Histoire des Sciences mathematiques en Italie, IV vols., Paris 1838.