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Fünftes Kapitel.
1. Starke und einmalige Bestrahlungen erzielen
gleiche Wirkungen, sei es nun, daß sie während weniger Stun
den mit Radium von starker Aktivität oder während vieler
Stunden mit Radium von geringer Aktivität angewendet werden.
Das erlangte Resultat ist stets eine heftige Radiodermatitis.
2. Starke und wiederholte Bestrahlungen. Bei
diesen wendet man sehr stark aktives Radium an, aber nur
während weniger Minuten und wiederholt die Bestrahlungen
mehrere Tage lang. Auch hierbei kann es Vorkommen, daß
Radiodermatitis folgt. Diese Methode bewirkt gleichfalls eine
brandige Erkrankung wie die erstere, nur einen Grad schwächer.
3. Schwache und lange Bestrahlungen. Man ver
wendet zu diesen Radium von sehr schwacher Aktivität
während langer Dauer. Diese Methode hat keine brandigen
Erscheinungen im Gefolge und man wird sie voraussichtlich
für die Folge allen anderen vorziehen.
Die heftigen Radiodermatitis haben mehr oder weniger
schwere Folgen. Sie lassen sich nach dem Grade ihrer Er
heblichkeit, wie die Verbrennungen, einteilen. 1 ) Wir entlehnen
die folgende Klassifikation Dr. de Pissaref.
Erster Grad. Dieser ist gekennzeichnet durch Nichtver
letzung der Hautoberfläche unmittelbar nach der Behandlung
und während der Inkubationsperiode, J. h. des Zeitraumes,
während dessen sich die Wirkungen vorbereiten. Nach 2 bis
3 Wochen werden die ersten Symptome bemerkbar, nämlich
das Haarsystem wird spröde und fällt aus. Der Haarausfall
kann vollständig eintreten und glatte Haut hinterlassen, welche
während einiger Zeit gebräunt erscheint. Nach 2 Monaten
sprossen dann die Härchen von Neuem und die behandelte
Stelle nimmt ihr früheres Aussehen wieder an.
Zweiter Grad. Dieser macht sich bemerkbar durch ein an
fangs leicht gerötetes, später dunkleres Erythem; das Binde
gewebe der Haut füllt sich mit Blut, und es entsteht Jucken.
Bisweilen bleibt die Verletzung bei diesem Grade stehen, es
tritt Hautabschuppung ein; die Epidermis wird wieder normal,
aber sie ist viel zarter geworden, unbehaart; bisweilen bleibt
letzterer Zustand dauernd.
b Exner u. Holzknecht, Berichte der Wiener Akademie, math.
naturw. Kl. B. 112. Abt. III. Juli 1903. S. 158.