DIE SISTINISCHE MADONNA UND DIE TRANSFIGURATION. 437
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liebten, ist keiner aus dem grossen Kreise bei Raphael’s Leb-
zeiten aufgetreten, um darauf hinzuweisen, Raphael müssten
andre Stellen angewiesen werden, um sein Talent zu zeigen,
grosse monumentale Aufträge müssten ihm zu Theil werden,
im Auge von ganz Rom auszuführen? Schüler und Verehrer
sind oft sehr bescheiden wenn sie für ihre Meister etwas ver-
langen. Ich meine nicht, dass es böser Wille gewesen sel.
Aber ich glaube auch, dass Raphael klug genug war, um zu
verheimlichen, wie er über all diese Liebe tief im Innern zu
urtheilen habe, und wie er wohl erkannte, worauf sie schliess-
lich doch hinauslaufe. Aus den wenigen Briefen, die von Ra-
phaels Hand erhalten blieben, leuchtet die kühle Lebensklug-
heit heraus, die das Erbtheil aller Italiener ist, die Abwesenheit
von Sentimentalität bei Mein und Dein. Zugleich aber musste
der überströmende Reichthum des eigenen Talentes Raphael
milde machen gegen die mühevolle Armutl, die er um sich
her sich abarbeiten sah. Und so liess er seine Schüler sammt
und sonders als seine Collegen gern gelten und räumte ihnen
zoviel Plätze an der Tafel seines Ruhmes ein als sie bean-
spruchten. Ich wiederhole, mir ist nicht denkbar, dass Ra-
phael über den Umfang des Talentes seiner Umgebung im
Unklaren gewesen sei. An der Decke der Camera della
Segnatura sind zwei Darstellungen: das Urtheil des Marsyas
und die Gestalt der Astronomie, beide nach Raphael’s Zeich-
nungen ohne Zweifel, beide aber, gemeinhin zu sagen, schlecht
gemalt: sah Raphael das nicht? Oder wollte er es nicht sehen?
Die einzige sehr unschuldige Rache, die er geübt hat, bestand
darin, dass, wenn er eine Arbeit einmal einem seiner Gehülfen
übergeben hatte, er sie diesen dann auch ganz allein vollen-
den liess ohne hineinzuarbeiten 1).
ı) So erkläre ich das Aussehen einer Reihe von Sachen seiner
späteren Zeit, für welche Zeichnungen und Skizzen von ihm vorliegen,
denen die ausführende Hand seiner Schüler aber in ihren feineren Thei-