Full text: Die Kartenwissenschaft (1. Band)

Die Luftbildkarte. 
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des menschlichen Organismus und den darauf begründeten psychischen Vorgängen 
trägt die Karte Rechnung (s. S. 14). Darum orientierte sich der Soldat lieber und 
besser nach der Karte als nach dem Fliegerbild. Ohne Zweifel wird durch letzteres 
das Studium der Karte bedeutend gefördert und umgekehrt. Das Fliegerbild sagte 
nur schwer dem Soldaten, was er brauchte, wie die feindlichen Beobachtungsstellen, 
Minenwerferstände, feindliche Batterien, Lager, Masken usw., was alles durch besondere 
Signaturen auf der von der Vermessungsabteilung der Armee hergestellten Front 
karte gut zu erkennen war. Wenn die Karte durch die gehäuften Signaturen Flächen 
teile des Geländes nicht maßstabgetreu deckte, wurde dies bei den sonstigen Vor 
teilen, die die Karte dem Luftbild gegenüber bot, gern in Kauf genommen. 
Zusammenfassend müssen wir sagen, daß die Luftbildkarte mit der ihr eigenen 
umfangreichen Gelände- und Grundriß darstellung in Form einer Karte mit ein 
deutiger Maßangabe und Netzquadraten nach dem heutigen Stande der Luftbild 
aufnahme ein Versuch mit ungenügenden Mitteln und kartographischen Wider 
sprüchen war, zum mindesten durfte sie nicht in der Form der Karte erscheinen, 
damit nicht falsche Vorstellungen erweckt wurden. Sollten selbst die Luftbildkarten 
eine Schichtlinienkonstruktion erhalten, an die Scheimpflug bereits dachte, würde 
ihre Gebrauchsfähigkeit kaum gesteigert werden. Die oben angedeutete psycho 
logische Hemmung wird durch eine Luftbildkarte nie überwunden werden und mag 
sie noch so gewissenhaft aufgenommen, zusammengesetzt und reproduziert sein. 
Damit wird auch über die Idee Scheimpflugs der Stab gebrochen, die wie ein roter 
Faden durch sein ganzes Denken und Schaffen ging, nämlich „die Bilder in ihrer 
Gänze oder zum mindesten größere Teile derselben auf einmal systematisch ver 
ändert und durch rein optische bzw. photographische Prozesse in Teile von Karten 
oder Plänen überzuführen“. 1 Scheimpflugs Mitarbeiter, G. Kämmerer, war un 
ermüdlich tätig, die „Photokarte“ oder „la carte aérienne“ 1 2 zur Ausführung zu 
bringen. 3 Ein großes Kartenwerk, das weiter nichts und vice versa so außerordentlich 
viel wie das nackte Aufnahmebild bringt, bleibt als Karte ein Unding, und damit 
wird auch die Frage wegen der Herausgabe einer aeronautischen bzw. photo 
grammetrischen Weltkarte hinfällig, für die vor dem Kriege K. Peucker u. a. 
weitere Kreise zu interessieren suchten. 4 Nur mit Hilfe der Farbenphotographie 
dürfte vielleicht dermaleinst die Luftbildkarte in ein neues und brauchbares Stadium 
treten, weil eben durch die Farbe der Landschaft ein differenzierendes Moment, das 
der menschlichen Auffassungskraft entgegenkommt, in das Karten b il d hinein 
getragen wird. 
140. Die Luftbildaufnahme ein Teil der Landesaufnahme. Zum Schluß sei 
nochmals betont, daß das Luftbild nie ein Kartenersatz werden wird, wohl aber ein 
Mittel zur Verbesserung und Herstellung der Karten. In vielen Fällen werden durch 
die Luftbildaufnahme nicht bloß Zeit, sondern eine Menge topographischer Kräfte 
1 Th. Scheimpflug: Die Herstellg. von Karten u. Plänen auf photograph. Wege. Sitz-B. 
d. k. Akad. d. Wiss. in Wien. Math.-naturw. Kl. CXVI, Abt. IIa, 1907. Wien 1097, S. 1. 
2 J. Bouchot: La carte aérienne. Aéronautique et cartographie. S.-A. des „Correspondant“ 
vom 25. 2. 1913. 
3 Ein jäher Tod setzte seinem Wirken bei den Aufnahmeversuchen in Fischamend am 20. 6. 
1914 ein Ende. 
4 Vgl. K. Peucker: Die dritte Konferenz über die aeronautische Weltkarte in Brüssel, 3. u. 
4. Oktober 1913. P. M. 1913. II. S. 328. - s. oben S. 104, 105.
	        
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