Einleitung.
Die darstellende Geometrie beruht wesentlich auf dem Begriff der
Abbildung. Man versteht darunter, abstrakt gefaßt, die gesetzmäßige
Zuordnung der Elemente irgendeiner Menge zu den Elementen einer
andern Menge. In dieser allgemeinen Fassung erweist sich der Abbildungs
begriff nicht nur für alle mathematischen Wissenschaften, sondern für unser
ganzes geistiges Leben als außerordentlich wichtig 1 2 ). Will man der
darstellenden Geometrie als Wissenschaft ein weiteres Ziel stecken, als
es gewöhnlich geschieht, so kann man etwa sagen: Jede Abbildung, die
sich konstruktiv (zeichnerisch, jedoch unter Verwendung beliebiger Zeichen
instrumente) verfolgen läßt, gehört in das Gebiet der darstellenden
Geometrie.
Die praktisch gewöhnlich verwendeten Abbildungsmethoden der dar
stellenden Geometrie bestehen in der Abbildung der Punkte des Raums
auf geordnete Punktepaare in der Zeichenebene (Bd. I, III. Teil, I. Kap.);
seltener gebraucht man die Abbildung der Geraden des Raums auf
die geordneten Punktepaare der Zeichenebene (Bd. I, I. Teil). Die erste
Gruppe von Abbildungen besitzt bildlichen Charakter, d. h. die gewon
nenen Bilder erwecken im Beschauer einen ähnlichen Eindruck wie die
räumlichen Gebilde selbst. Auch der stereographischen Projektion
(Nr. 39) oder andern in der Kartenprojektion üblichen Abbildungen
der Erdoberfläche, z. B. der bekannten Mercatorprojektion, wird man
bildlichen Charakter zuerkennen.
Die erste nichtbildliche Abbildung, welche in die darstellende Geo
metrie eingeführt wurde, ist die Zyklographie, d. i. eine Abbildung der
Punkte des Raums auf die Kreise in der Zeichenebene, oder umgekehrt.
Den Grundgedanken dieser Abbildung verwendete bereits B. E. Co usiner y-)
(1828) zur Lösung des Apollonischen Problems, indem er jeden Kreis
der Zeichenebene als Spurkurve eines Kegels betrachtete, dessen Flucht
1 ) Vgl. E. Müller, Das Abbildungsprinzip, Jhrsb. Dtsch. Math.-Ver. 22 (1913),
S. 44—59.
2 ) Géométrie perspective, Paris 1828, S. 55, 56.
Müller-Krames, Vorl. üb. Darstell. Geometrie, II. <