400 Begriff des Wissens.
falls insofern ein objectiver, als man in den gesetzmässig bestimmten
Zusammenhang der Erscheinungen Wirkungen eintreten lässt, die aus einer
gänzlich jenseits dieses Zusammenhangs gelegenen Quelle herkommen. In
beiden Fällen wird daher ausdrücklich zugestanden, dass sich der Zufall
der. wissenschaftlichen Untersuchung entziehe.
Mit diesen Auffassungen befindet sich nun derjenige Begriff des
Zufalls in schroffem Widerspruch, zu welchem die Wahrscheinlichkeits-
theorie hinführt. Hier gilt der Zufall als die resultirende Wirkung einer
unbestimmten Anzahl unbekannter Ursachen. Trotzdem gehört das Zu-
fällige nicht bloss unserer subjectiven Vorstellung an, sondern die An-
nahme des Zufalls schliesst stets eine bestimmte objective Bedingung ein.
Diese Bedingung besteht darin, dass die zufälligen Abänderungen eines
bestimmten Ereignisses in einer unendlich grossen Anzahl von Fällen sich
aufheben müssen, weil sie durchschnittlich ebenso weit im positiven wie
im negativen Sinne von demjenigen Werthe abweichen, den jenes Ereigniss
ohne die unbekannten Nebenursachen darbieten würde. Jede constante,
nicht sich ausgleichende Abweichung von diesem Werthe gilt nicht mehr
als ein Werk des Zufalls, sondern als die Wirkung bestimmter Ursachen,
deren Ermittelung, sofern sie unbekannt sind, ein _Problem der wissen-
schaftlichen Forschung ist.
Hieraus ist ersichtlich, dass 1) der Zufall niemals als selbständiges
Phänomen sondern immer nur als individuelle Abänderung irgend
einer gesetzmässig bestimmten Erscheinung vorkommt, und dass 2) im
strengsten Sinne nur derjenige Theil einer solchen individuellen Schwankung
als Zufall gilt, welcher der einfachen Elimination nach dem Gesetz der
grossen Zahlen sich fügt. Der Begriff des Zufalls wird so zugleich einge-
schränkt auf denjenigen Theil der unserer Beobachtung sich darbietenden
Erscheinungen, dessen Erforschung niemals Gegenstand der
wissenschaftlichen Untersuchung sein kann. Bei einer räum-
lichen Messung betrachten wir also nicht diejenigen Abweichungen, die
von den Fehlern unserer Messinstrumente oder den Kigenthümlichkeiten
unseres Augenmaasses herrühren, als zufällige, denn hier lassen sich min-
destens die Wirkungen, zuweilen aber auch die Ursachen, genau ermitteln;
dagegen gelten uns als zufällig alle diejenigen Abweichungen, die nach
Berücksichtigung dieser constanten Fehlerquellen übrig bleiben, und die
sich in einer unendlich grossen Zahl von Messungen vollständig, in einer
sehr‘ grossen Zahl wenigstens annähernd ausgleichen müssen. Die That-
sache dieser Ausgleichung führt aber nothwendig auf zwei Voraussetzungen :
1) müssen die zufälligen Abweichungen ebenfalls auf bestimmten Ursachen
beruhen, denn sonst würde keinerlei Regelmässigkeit in Bezug auf das
Verhältniss der Häufigkeit der Abweichungen zu ihrer Grösse erwartet werden
können; 2) müssen die Ursachen der zufälligen Abweichungen fortwähren-
den Schwankungen unterworfen sein, so aber, dass sie durchschnittlich mit
gleicher Stärke nach entgegegesetzten Richtungen wirken. Der letztere