I. Kapitel: Wissenschaftliches Leben im Jahrhundert der Reformation. 89
In demselben Jahre 1540 erfand Schürer die Blaufärbung der Glasflüsse
durch Zusatz von Kobalt. 1550 erbaute Palladio die erste Hängebrücke
über den Cismone. Cardano beschreibt im gleichen Jahre in seinem schon
erwähnten Buche, „De subtilitate rerum‘‘, die erste Mehlsichtmaschine.
Lobsinger in Nürnberg verbessert die Windbüchse und stellt die ersten
Blasebälge aus Holz und Kupfer für Orgeln und Schmelzhütten her. 1554
sucht Traucat in Nimes die Gewinnung der Rohseide und die Seidenraupen-
zucht auf eine rationellere Basis zu stellen, indem er sorgfältige Beob-
achtungen über die Entwicklung, Nahrung und Krankheiten der Seiden-
raupe macht, über Temperatur und Lüftung der Seidenhäuser und den
Anbau des Maulbeerbaumes Vorschriften gibt. 1569 wurde durch Amma-
nati die Arnobrücke zu Florenz vollendet, deren Mittelbogen eine Spann-
weite von 28 m hat. 1570 erfand der Arzt Prätorius den Meßtisch. 1572
macht Thurneysser darauf aufmerksam, daß Mineralwässer sich auch
künstlich herstellen lassen. 1578 wurden von Danti in Bologna die ersten
durchgehenden Windfahnen konstruiert, bei denen man im Hause selbst
an einer Windrose jederzeit die Windrichtung ablesen kann. 1579 erbaute
der Arzt Meth aus Langensalza in Nauheim das erste Gradierhaus. 1591
beschreibt Varantius die ersten Baggermaschinen, die mit einem von
Menschen betr.ebenen Laufrad in Bewegung gesetzt wurden.
Wer sich so ein Bild des wissenschaftlichen Lebens und des Kultur-
fortschritts im Reformationszeitalter herauszuarbeiten sucht, erkennt
staunend, welche belebende und befruchtende Wirkungen der Humanismus
ausgeübt hat. Der abendländische Geist hat das Wissen der Alten voll-
ständig assimiliert, ist zur Selbständigkeit des Denkens herangereift, und
in allen Zweigen der Mathematik und der Naturwissenschaften sind die
Ansätze einer Neubegründung derselben‘ deutlich erkennbar. Wenn diese
Neubegründung der Mathematik und der experimentellen Wissenschaften
auch erst im folgenden Jahrhundert erfolgt, so dürfen wir doch auch sie
als die schönste wissenschaftliche Frucht der humanistischen Bewegung
bezeichnen.
Daß diese im 16. Jahrhundert noch nicht reifen konnte, lag daran,
daß damals noch zu viele Fesseln die Freiheit des Denkens und Forschens
einengten. Der Geist des Abendlandes hatte seine Selbständigkeit erst
im unablässigen Kampfe mit der mittelalterlichen Scholastik zu erringen
und verbrauchte zur Sprengung dieser Fesseln zuviel von seiner jungen
Kraft. Eine flüchtige Durchmusterung der Namen der Männer, die im
Jahrhundert der Reformation sich um die Fortschritte des Wissens und
der Kultur verdient gemacht haben, zeigt schon, daß in wissenschaftlicher
Hinsicht Italien in jenem Zeitraum noch die führende Stelle einnimmt.
Unverkennbar tritt daneben jedoch Deutschlands eifrige Mitarbeit an
der Hebung der Kultur hervor. Dies ist das ideelle Gegenbild der