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Vierter Abschnitt. Substitutionsmethoden. IV.
des Cardano, dei* ein Wüstling war, zur Entschuldigung dienen, denn
auch Ferrari vertheidigt ihn lebhaft.
Hankel hat uns in seiner Geschichte eine Darstellung der Strei
tigkeiten und der Anrechte des Nicolo nach dem 9. Bd. der Quesiti
gegeben, worin er den Cardano sehr hart verurtheilt, und bei wem
sollte nicht das Schicksal des Tartaglia Theilnahme erwecken? Doch
geht er vielleicht in seinem Eifer für Tartaglia in manchen Stücken
zu weit. Er bemerkt unter Anderem, von gegnerischer Seite sei keine
Darstellung der Streitigkeiten gegeben worden und erwähnt jenes Car-
tello gar nicht. Freilich ist es unbegreiflich, wenn Cardano einen
Einblick in das Werk Ferro’s gewonnen* hatte, warum er dies nirgend
in seiner Algebra erwähnt; denn dann war die Sache doch ja nur mehr
ein öffentliches Geheimniss, und Cardano brauchte sich nur noch mit
Tartaglia um den Modus der Publication zu verständigen. Weiter
schliesst Hankel seine Darstellung mit den Worten: „Der Mann, dem
wir den grössten Fortschritt in diesem Jahrhundert verdanken, wurde
vergessen, seine Methode als die von Hudde bezeichnet, und nach dem
treulosen Cardano wurde die dem Tartaglia entwendete Formel be
zeichnet.“ Die Anrechte Tartaglia's sind genugsam bekannt; er ge
wann sie aber nur, nachdem Ferro auf die Veröffentlichung verzichtet
hatte. Im Uebrigen sind doch wol Methode, Formel und Beweis noch
verschiedene Dinge strenge genommen. Im Ganzen genommen ist der
Sachverhalt wol so: Ferro war der erste Erfinder (1515), wir kennen
von ihm aber weder seine Methode, noch seine Begründung derselben.
Tartaglia gab 1539*) seine Methode und Cardano 1545 die
exacte Formel und den Beweis dazu. Der Beweis von Hudde ist aller
dings nur als eine Modification des Cardani'sehen Beweises anzu
sehen.
Was die Auflösungsmethode des Tartaglia und Cardano anbe-
trifft, so werden wir aus dem erwähnten Cartello schliessen dürfen,
dass es die Methode des ersten Erfinders Ferro selbst war. Das
Charakteristische an derselben ist, dass sie eine Substitutionsmethode
ist und dass sie, wenn auch im Allgemeinen von späteren Algebristen
beibehalten, doch im Unterschiede von diesen die Wurzelform bald als
Differenz, bald als Summe zweier Kubikwurzeln darstellt. Dasselbe ge
schieht auch noch bei Vieta, der als substituirte Function je nach der
Form der Gleichung bald eine Differenz, bald eine Summe wählt.
In Deutschland fand die Lehre von der Auflösung kubischer
Gleichungen (cubiccoss) Eingang durch Stifel, Xylander und Faul
haber. Während die ersten Beiden der Cardani'schen Kegel nur Er
wähnung tliun, gab Faulhaber i. J. 1604 selbständig einen „Arith
metischen cubiccossischen Lustgarten“ heraus. ^
*) Tartaglia gibt selbst an, seine Methode 1531 entdeckt zu haben.