60 ROMAN DER ROMANTIK
angesichts der Märchen der deutschen Romantik
drängt sich die Frage auf, warum die Verfasser
sich überhaupt so willig auf Goethes ‚‚Märchen“
beriefen, während sie tatsächlich Erzählungen
von ganz anderer Art als Märchen vorlegten.
Zwar kam Goethes ‚Märchen‘ dem Werden der
romantischen Naturphilosophie entgegen und
wurde deshalb als gewichtiges Zeugnis für die
neue ‚Physik‘ begrüßt; doch die eigentlichen
Züge romantischer Naturphilosophie kehren in
Märchen ’Tiecks und Hoffmanns, aber auch sonst
viel greifbarer wieder.
Als das Wesen romantischer Dichtung vom
Wunderbaren könnte von vornherein gelten, daß
nicht im Objekt, nur im Subjekt das Wunderbare
wurzle. So wirkt sich ja die Erkenntniskritik
Kants und Fichtes immer wieder in der Roman-
tik aus. Auch das Wunderbare wird transzen-
dental gefaßt. Es ist eine besondere Art im Er-
leben der Welt. E. T. A. Hoffmann scheidet
zwischen Menschen, die das Wunderbare im Le-
ben erfühlen, und den andern, den Philistern,
den Kurzsichtigen, den Fühllosen, die von sol-
chem Wunderbaren nichts spüren, den Roman-
tiker verlachen, wenn er dies Wunderbare ernst
nimmt, und bestenfalls durch Alkohol zuweilen
es: » anders und tiefer schauen lernen. Nur wer eine
45. „Berta pflegt den Vogel‘ (Der blonde Eckbert) Anschauungsform der Welt gefunden hat, die mit
Nach Moritz von Schwinds Fresko im Tiecksaal der dem Wunderbaren rechnet, erkennt nach Hoff-
ae mann den wahren Zusammenhang der Welt.
Phantasie und nicht trockenes Sinnen oder verstandesmäßige Arbeit der Sinne reicht an
das Absolute heran. Der Dichter, der Künstler überhaupt, kennt allein das Wahre, das
hinter den Sinneseindrücken liegt. Alles das ist sicherlich echt romantisch. Es spricht
sich nicht erst in Hoffmanns ‚‚Goldenem Topf“ aus, kündigt sich schon in Tiecks ‚‚Blon-
dem Eckbert‘ an. Eckbert bricht zusammen, weil er alles, was ihm während eines kurzen
Lebens seine Sinne gezeigt haben, als unzuverlässig und täuschend erkennen muß. Zur Kata-
strophe wird die Einsicht, daß die wahren Zusammenhänge nicht dort lägen, wo altgewohnte,
naiv-realistische Lebensbetrachtung sie anzutreffen meint. Alles dreht sich um die Frage
der Grenzen des menschlichen Bewußtseins. Die Naturphilosophie Schellings möchte sie
bezeichnen ; nicht bleibt Bewußtes dem Menschen, Unbewußtes der Natur vorbehalten, sondern
schon in der Natur melden sich erste Regungen des Bewußtseins an, während Unbewußt-Natur-
haftes im Menschen lebendig bleibt. Der alte Brauch der Dichtung, die Natur zu vermensch-
lichen und ihr etwas von dem zu schenken, was dem Menschen selbstverständlichen Besitz
bedeutet, gewinnt bei Schelling den Wert der Erkenntnis eines Philosophen. Die romantischen
Dichter statteten folgerichtig nicht bloß die vielgestaltigen Erscheinungen der Natur mit