konnte. Wir nehmen an, daß hier der Unterricht in der Rhetorik durch
ein Bild angedeutet werden soll. Der Mann ist der Lehrer. Von der
Vorlage her trägt er langes Haar. Hier ist das nebensächlich, aber
wir werden im nächsten Bilde sehen, daß dieses lange Haar wieder—
holt wird, um auch dort den Lehrer zu bezeichnen, ein Beweis für die
gedankliche Zusammengehörigkeit der Darstellungen. Der Uniterricht
ist ein Kampf mit dem Schüler, ob dieser einem Wolf oder einem
jungen Löwen gleiche, ist Nebensache, er ist schwer zu bändigen und
abzurichten. Der Meister soll ihm die kunstgerechte Rede beibringen,
ihm, der bisher stammelte, bellte, brüllte. Der Schüler soll nicht so
fast die Redekunst erlernen, sondern zunächst die Sprache beherrschen,
einen guten Stil sich aneignen. Um 980 war Gerbert, der nachmalige
Papst Silvester I1. Domscholaster in Reims; er hielt Fortschritte in der
Rhetorik für unmöglich ohne Beherrschung der verschiedenen Aus—
drucksweisen, die von den Dichtern zu lernen seien. Die Rede, ob ge—
schrieben oder gesprochen, soll wie Honig fließen und geschmackvoll sein.
Wir können da nochmals auf Samson verweisen: er fand im Rachen
des Löwen (Richter, 14, 8, in ore leonis, im Hebräischen und in neu—
zeitlichen Bibelübersetzungen heißt es: im Körper; aber das Mittel—
alter stützte sich auf den lateinischen Bibeltext) einen Bienenschwarm
und einen Honigkuchen. Der große Redner und Kirchenlehrer Bern—
hard von Clairvaux hat den Titel: Doctor mellifluus, der honig—
fließende Redͤner. Ferner finden wir auf den Bußprediger Johannes
den Täufer (Markus, 1, 3) die Worte angewandt: „Stimme eine Ru—
fenden aus der Wüste“, was die Bibelausleger auf das aus der Wüste
kommende Gebrüll des Löwen begziehen; von diesem Anfang seines
Evangeliums bekam der hl. Markus sein Symbol, den Löwen. Der
Rhetorikschüler soll ein Prediger werden, der ganze Unterricht bezweckte
ja die Heranbildung von Theologen. Der Prediger soll reden, „wie
einer, der Macht hat“ (Matth. 7, 28), das Symbol der Macht und Ge—
walt, der Unerschrockenheit und der eindringlichen Stimme ist der
Löwe. Auf den Beruf der Redner, der Advokaten insbesondere wurde
die Schriftstelle (Spr. 31, 8) angewendet: „Tue deinen Mund auf für
den, der nicht reden kann und für aller Menschen Sache“. Diese
Schriftstellen legten den Gedanken nahe genug, in dem Bilde des
Löwenkampfes eine passende Darstellung für die Rhetorik zu finden.
Oft genug wird der Lehrer den Schüler gemahnt haben: Tue deinen
Mund auf. Auch hier bezweckt das Bild, die schwierige Aufgabe des
Lehrers, seinen Kampf gegen die Widerspenstigkeit und Unfähigkeit
der Schüler hervorzuheben.
3. Die Dialektik
Die Fortsetzung des Themas erfolgt am gegenüberstehenden Fries
der nördlichen Seile des Durchganges. Um die Dialektik zu charakteri—
sieren, fand der Bildhauer, wie es scheint, weder in der Tierfabel, noch
in der Bibel einen geeigneten „Bildstock“; er mußte ohne Vorlage ein
Bild entwerfen. Kein Wunder, daß der dargeftellte Borgang nicht
ohne weiteres verständlich ist.
Wir sehen zwei Mischwesen aus Pferd, Vogel und Mensch gegen—
einanderkämpfen. Die Verbindung von Mensch und Pferd ergädbe den
Zentauren. Aber die Vereinigung mit dem Voͤgel, dem Adler, schließt
hier die unterweltliche Symboliksdes Zentauren aus. Diese geflügel—
ten Pferdeleiber stehen mit ihren Hufen fest auf dem Boden, sie spren⸗
gen nicht gegeneinander an, sie stehen still, die Roßschweife hängen
ruhig herab. Die Schwingen aber find erhoben; trohdem fliegen die
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